Auf der Straße

RassismusIn den letzten drei Monaten war ich praktisch jeden Montag genau dort – auf der Straße.
Ich war nicht bei der von der CDU organisierten Kundgebung vor der Frauenkirche – die war am falschen Tag (Samstag) und organisiert von einer Partei, die in Sachsen Teil des Problems ist. Ich war auch nicht beim Grönemeyer-Konzert. Ich hatte keine Lust, mir lauter Bands, die mich nicht interessieren, anzuhören, und das auch noch gemeinsam mit Pegida-Anhängern. Das habe ich mir zu Hause im Live-Stream angeschaut. Mich über die Leute von Dresden Nazifrei und von NAMF und über den Sprecher von Dresden für Alle gefreut, die deutliche Worte fanden. Mich bei der Musik gelangweilt. Mich ein wenig geärgert über dieses “wir brauchen vor allem gut ausgebildete Ausländer, wir brauchen sie, die Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure”. Das hat immer so den Unterton “die anderen brauchen wir eigentlich nicht”, oder zumindest ist das ein Ausdruck unserer Leistungs- und Verwertungsgesellschaft. Sehr gefallen hat mir die Poetry Slammerin, die als Muslima wohl den stärksten Auftritt des Abends hinlegte. Aber, wie gesagt, ich war nicht da. Ich hatte einen Tag zuvor, am Sonntag, schon genug gefroren. Auf dem Schlossplatz, auf der Straße.

Denn da sind sie gewesen, jeden Montag und diesmal ausnahmsweise am Sonntag (wegen Herbert): die Fremdenfeinde, die Rassisten, die Spießbürger. Und natürlich die Hooligans und die Nazis. Zu Tausenden.
Ich sage immer wieder, dass man sich überlegen muss, mit wem man auf die Straße geht, welchen Bannern man hinterherläuft. Und ich? Ich war mit der Antifa auf der Straße. Die tragen ein Banner vor sich her, das es sehr gut auf den Punkt bringt und dem ich gern hinterherlaufe. Darauf steht: “Das Problem heißt Rassismus!”.
Sebastian Leber hat es am 24. Januar im Tagesspiegel in seinem Kommentar “Danke, liebe Antifa!” sehr gut auf den Punkt gebracht. Er schreibt dort: “Sie gelten als Krawallmacher, Störenfriede, Chaoten. Dabei ermöglichen sie uns ein Leben, in dem Rechtsextreme die Rolle spielen, die ihnen zusteht: Nämlich keine.”

Tatsächlich muss ich mich ab und zu dafür rechtfertigen, dort mitzulaufen, was ich so ziemlich als Einziger in meinem Alter tue. Jedoch nicht als Einziger, der nicht zur Antifa gehört, da habe ich viel Gesellschaft gehabt. Den Kritikern sei gesagt: na klar, es gibt da Leute, die den Staat hassen und deshalb gern dessen VertreterInnen (die Polizisten) angreifen, solche, die Militanz und entschlossenes Handeln verwechseln. Aber überambitionierte Idioten, gibt es die nicht überall? In Dresden übrigens nicht. Ich finde auch nicht alle Sprechchöre gelungen. Muss ich auch nicht. Ich laufe da mit, weil die Antifa sich entschlossen dem Rassismus und der Menschenverachtung entgegenstellt. Sich nicht unterkriegen lässt, zu Idealen steht, keine Angst hat. Wie sonst soll man etwas erreichen?
Für Angriffe auf Menschen, für das Einwerfen von Fensterscheiben oder Abfackeln von Autos habe ich kein Verständnis, außerdem spielt das immer auch dem Gegner in die Hände. Aber gab es so etwas in Dresden? Bei den Aktionen gegen Pegida? Nein. Es gibt sie auch nicht, die von der Dresdner Staatsanwaltschaft immer wieder herbeiphantasierten Anführer. Eben nicht! Es gibt nur entschlossene junge Leute, die sich nicht mit Repressionen abfinden wollen, die für eine bessere, gerechtere Welt kämpfen und sich dabei nichts gefallen lassen. Was kann man für die Welt, in der man lebt, für die Gesellschaft, als junger Menschen besseres tun?
Was sie gemacht haben, die von den Pegidisten als Linksfaschisten und SAntifa beschimpften Antifas aus Dresden, das waren schon Anfang November die ersten (und damals einzigen) Demos gegen Pegida. Lange, bevor die Bürgerschaft erkannte, was sich da abspielt auf Dresdens Straßen. Da gab es nie ein pastorales “Wir haben für alles Verständnis, wollen mit jedem ins Gespräch kommen”. Da gab es nur “Das können wir nicht unwidersprochen lassen”.
Ich erinnere  mich gut an eine wirklich brenzliche Situation. An dem Tag, als auch Dresden Nazifrei zum ersten Mal zu einer Kundgebung auf dem Postplatz aufrief. Die Antifa-Demo lief mit ein paar hundert Teilnehmern zum Külz-Ring, wo sich Pegida am Hintereingang der Altmarktgalerie versammeln wollte. Also ganz nah ran. Der Zug kam am Haus des Buches zum Stehen. Links von uns versammelten sich die Pegidisten, von rechts, vom Hauptbahnhof, strömten viele weitere herbei. Es gab Rangeleien. Wir waren umringt von Bereitschaftspolizei. Und von motzenden, fotografierenden und filmenden, muskelbepackten Hohlkopf- Hooligans und Nazis. Da hatte ich echt Angst, nicht nur vor denen, auch vor der Polizei. Für die, interessanterweise, immer die Antifa das Feindbild ist, nicht besagte Schläger-Hohlköpfe.
An einem Montag auf dem Theaterplatz hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Polizeibeamten.
Ich: “Sie wissen schon, dass die gewaltbereiten Schläger auf der anderen Seite stehen und nicht hier, bei den Gegendemonstranten?”
Polizist: “Ja, aber die hier, die machen uns viel mehr Ärger. Melden andauernd spontane Versammlungen an und so…”

Die Organisatoren der Demo, die am Haus des Buches bedrängt wurde, beschlossen schließlich, ihre Leute nicht in Gefahr zu bringen. Wir kehrten um und stießen zur Kundgebung auf dem Postplatz. Das war im Grunde der Anfang einer endlich etwas  breiteren Bewegung gegen Pegida.

Drei Monate lang hat nun die Antifa für Unruhe gesorgt im Umfeld der Rassisten-Aufmärsche. Ist immer ganz nah rangegangen. Hat denen die Meinung gesagt. Ist noch nicht einmal dann gewalttätig geworden, als die Nazis am Külzring, in Abwesenheit der Polizei, direkt auf der anderen Straßenseite standen. Unermüdlich, unerschrocken und im entscheidenden Moment eben auch besonnen. Ich jedenfalls werde, wenn es sein muss,  weiterhin bei der Antifa mitlaufen und eher nicht zu bürgerlichen Alibiveranstaltungen gehen.

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