Der Mob

IMG_5592Nach einer großer Demonstration für die Rechte von Asylsuchenden durch Dresden am Samstag, den 28. Februar, beschlossen einige Flüchtlinge und deren Unterstützer, ein Protestcamp auf dem Theaterplatz vor der Semperoper einzurichten, um für ein weniger repressives Asylsystem und die Verbesserung der Situation von Flüchtlingen zu protestieren. Der Ort  und auch die Aktionsform sorgten an den beiden folgenden Tagen für viele Diskussionen, in den Medien und vor Allem auch vor Ort. Viele, teils wütende, Bürger kamen vorbei, doch oft gelang es, ihnen den Zweck der Aktion nahezubringen, was in vielen Fällen gar zu einem Umdenken führte. Sicher hätte eine deutlichere Kommunikation der Ziele diese Lage von vornherein entschärfen können, aber es war halt eine spontane Sache.

Andererseits gab es auch eine große Welle der Unterstützung – viele Bürger brachten Lebensmittel, Getränke und was sonst noch benötigt wurde. Auch waren ständig viele Unterstützer vor Ort. Das Camp wurde für insgesamt 4 Wochen angemeldet und vom Ordnungsamt zumindest bis Montag (2. März) Abend in der bestehenden Form genehmigt. Am Morgen des Dienstag (3. März) wurde es dann friedlich geräumt – es soll jedoch weiterhin jeden Tag Infotische und Diskussionsangebote an die Bürger geben. Ich selbst war am Sonntag und auch am Montag viele Stunden dort und hatte sehr viele Gespräche mit Bürgern.
Von vornherein kritisch drohte natürlich der Montagabend zu werden – um 18:30 Uhr traf sich Pegida zum rassistischen “Abendspaziergang” (diesmal mit 6000 bzw. 12000 Teilnehmern, je nachdem, wer gezählt hatte, Polizei oder P selbst). Schon vorher hatte es auf der Pegida-Facebook-Seite eine unglaubliche Masse an Hass-Postings gegeben. Das Postplatzkonzert wurde kurzerhand auf den Theaterplatz verlegt, und so kamen einige hundert Unterstützter der Flüchtlinge dort zusammen.

Da es in der Presse unterschiedliche Darstellungen der Ereignisse am diesem Abend gab und ich auch schon von einem Journalisten darauf angesprochen worden bin, hier eine kurze Schilderung dessen, was ich erlebte:
Ich stand, als der Mob kam, direkt am Reiterdenkmal auf dem Theaterplatz, erhöht auf der zweiten Stufe des Denkmals. Plötzlich kam der Warnruf “Nazis!”, und da sah ich sie: eine Masse von mehreren Hundert Leuten, zum großen Teil Nazis und Hooligans, die vom Schloßplatz angeströmt kamen. Ich dachte noch “Mein Gott, so viele?”, denn dass sie kommen würden im Anschluss an die Pegida- Kundgebung, das war keine Überraschung. Die mehreren Hundert auf dem Platz befindlichen Unterstützer der Refugees und Besucher des Konzertes bewegten sich geschlossen auf den Mob zu, es kam zu heftigen verbalen Auseinandersetzungen. Sprechchöre der Nazis waren “Räumen! Räumen!”, “Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!” und “Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!”. Die Polizei war zunächst nicht vor Ort, erst allmählich formierte sich eine Kette Bereitschaftspolizei. Kurz darauf wieder der Warnruf, diesmal kam eine größere Menschengruppe aus Richtung Postplatz, auch von hinter der Schinkelwache kamen welche. Wieder bewegte sich die große Gruppe der Unterstützer auf diese zu, es wurde eine Kette gebildet und der Mob verbal in Schach gehalten, bis die Polizei auch hier einschreiten konnte. Hinter der Schinkelwache gab es Rangeleien zwischen Nazis und der Polizei. Böller wurden geworfen, auch von der anderen Nazigruppe Richtung Schloßplatz. Dort war die Lage immer noch sehr bedrohlich. Erst eine Staffel berittener Polizei konnte den Mob dort zurückdrängen.
Die brenzlichste Situation ergab sich kurz darauf, denn eine weitere Gruppe Nazis und Hooligans kamen vom Zwingerteich. Hier war keine Polizei zu sehen, und die Nazis bewarfen die Menschen auf dem Theaterplatz mit Steinen. Erst nach mehreren Minuten schritt auch hier die Polizei ein.
Die Situation blieb auf allen Seiten noch eine ganze Weile sehr angespannt. Die Polizei filmte fleißig – natürlich nicht die Nazis, sondern die Leute auf dem Theaterplatz.
Letztendlich ist es einzig und allein diesen, mehreren hundert Unterstützern zu verdanken, dass es zu keiner weiteren Eskalation kam. Diese Menschen verhielten sich besonnen, blieben zusammen, bildeten Ketten zum Schutz des Camps und achteten aufeinander. Von ihnen ging keinerlei Eskalation oder Gewalt aus. Die Polizei hätte sich bei uns bedanken können, statt mir frech direkt ins Gesicht zu filmen und auch noch pampig zu werden, als mir das nicht gefiel.
Etwas lustig fand ich dann doch die Sprechchöre der Pegidasten, die, als die Lage sich beruhigt hatte, skandierten: “Grundgesetz! Grundgesetz!” Ich bin nicht sicher, aber eigentlich können sie nur den Artikel 8 gemeint haben. Aber was wollten sie uns dann damit sagen?

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