Dialog!?

Einer der Redner veröffentlichte in der Sächsischen Zeitung am 21.12. ein leider sehr undifferenziertes Essay.


Einer der Redner der Veranstaltung in der Kreuzkirche veröffentlichte in der Sächsischen Zeitung am 21.12. ein leider ziemlich undifferenziertes Essay. Pegida also nicht nur in der Kreuzkirche, sondern nun auch in der Lokalpresse “geadelt”. Muss man wohl aushalten, ist aber trotzdem der falsche Weg, ebenso wie sozialromantische Essays der Gegenseite. So etwas ruft nur wütende Proteste hervor, da beginnt kein Dialog.

Dresden, 16. Dezember 2015. Dialogversuch. In der Kreuzkirche. Leider von vornherein zum Scheitern verurteilt und folgerichtig dann auch gescheitert.
Die Protagonisten: der OB, Superintendent Behr, die Organisatoren der Veranstaltung, u.a. René Jahn (Pegida) und Barbara Lässig. Dazu ausgewählte Bürger verschiedenen Couleur, die an das Mikro traten und recht unterschiedliche Statements abgaben. Dass man keinen Asylsuchenden finden konnte, wie Frank Richter, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung und Moderator des Abends, anmerkte, ist mir komplett unverständlich – die hätten nur mal mich fragen müssen, das wäre kein Problem gewesen. Doch offensichtlich sind die Herrschaften recht weit von der Basis entfernt. Zuletzt kamen dann ca. 20 Wortmeldungen aus dem Publikum, teils konstruktiv, teils pragmatisch, teils verstörend.

So weit, so (zunächst) gut. Immerhin ein Anfang in dieser tief gespaltenen Stadt. Ich selbst war ja auch gekommen, weil ich die Hoffnung auf eine Überwindung dieser Spaltung nicht aufgeben will. Aber was war das Problem? Eigentlich waren es gleich zwei Probleme: erstens wurden die von Pegida geschürten Ressentiments nicht kritisch hinterfragt, sondern durch diese Veranstaltung “geadelt”, so, als könnte man auf der Basis menschenfeindlicher Einstellungen tatsächlich einen Dialog beginnen. Und zweitens wurde schnell deutlich, wie verhärtet die Fronten sind.

Was macht es für einen Sinn, wenn eine Restaurantbesitzerin auf der Bühne den Mut für offene Worte findet und das dann von vielen der Anwesenden mit Gelächter und Gebrüll beantwortet wird? Tiefpunkt der Veranstaltung war sicherlich das höhnische Gelächter etlicher (ich saß mitten drin und musste mir schon vor Beginn der Veranstaltung das unendliche Geschimpfe anhören), als eine junge Christin erzählte, ihr sei von zwei älteren Männern eine Vergewaltigung angedroht worden.  Wie tief muss man sinken und wie wenig bzw. gar keinen Anstand muss man besitzen, um auf so etwas mit Gelächter  zu reagieren? Wie soll mit solchen Leuten ein Dialog möglich sein?

Da war allerdings auch noch die andere Seite. Veit Kühne, den ich sehr schätze, hätte sein Statement zu Pegida (er nannte die Bewegung “neo-faschistisch” – womit er im Grunde recht hat) lieber an das Ende seiner Redezeit stellen sollen, dann hätte er das, was er eigentlich sagen wollte, auch sagen können. Heftigste Reaktionen des Publikums verhinderten das. Und das war nicht verwunderlich, denn der überwiegende Teil der Anwesenden war eher Pegida-nah. Auch so kann natürlich kein Dialog in Gang kommen. Vielleicht schon eher mit Statements wie dem eines Unternehmers, der den Anwesenden erzählte, er habe schon 1989 keine Angst gehabt und habe auch jetzt keine. Wie 85 Millionen vor einer Überfremdung durch eine Million Angst haben können, erschloss sich ihm nicht. Solche pragmatischen Statements könnten vielleicht eher ein Ansatzpunkt sein.

Ich habe viel darüber nachgedacht, wie man ihn hinbekommen könnte, so einen Dialog, und was eigentlich bei dieser Veranstaltung bzw. bei den Dialogversuchen das eigentliche Problem war und ist.

Hier die Probleme:

  • Pegida will nicht reden, Pegida will recht haben
  • die Anhänger und Gegner stehen sich teils unversöhnlich gegenüber
  • Menschenfeindlichkeit und Rassismus können keine Gesprächsgrundlage sein
  • Pauschalisierungen, egal welcher Couleur, ebenfalls nicht

Fakt ist aus meiner Sicht auch:

  • mit dem Pegida-Kern kann es keinen Dialog geben
  • mit Nazis ebenfalls nicht
  • nicht alle, die Pegida hinterherlaufen, sind Nazis, vielleicht noch nicht einmal Rassisten
  • es gibt tatsächlich inhaltliche Überschneidungen der beiden Lager (z.B. Syrienkriegseinsatz, TTIP)

Aber wie könnte denn nun ein Dialog in Gang kommen und Erfolg haben? Dafür müssten aus meiner Sicht bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden, von beiden Seiten:

Die Leute, die jeden Montag auf die Straße gehen und ihre Meinung kundtun, um sich anschließend darüber zu beschweren, dass sie ihre Meinung nicht kundtun dürfen, die müssten ein paar Dinge akzeptieren.

  1. Zum Beispiel, dass Demokratie nicht bedeutet, dass der Recht bekommt, der am lautesten schreit, sondern dass Demokratie immer einen (oft anstrengenden) Diskurs bedeutet und Mehrheitsentscheidungen (z.B. per Bürgerentscheid) erst ganz am Ende eines demokratischen Prozesses stehen und nach Möglichkeit vermieden werden sollten.
  2. Natürlich auch, dass rassistische und/oder menschenverachtende Grundeinstellungen nicht die Grundlage für einen Dialog sein können.
  3. Dass man Nazisprech wie “Volksverräter” oder “Lügenpresse” nicht öffentlich verwenden und gleichzeitig auf Augenhöhe mit Demokraten diskutieren kann.
  4. Dass es keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen geben kann.
  5. Dass die Grundlage unseres absolut schützenswerten Gesellschaftssystems Weltoffenheit und Menschenfreundlichkeit sind, nicht Angst, Wut und Hass.
  6. Außerdem muss klar sein, dass Verschwörungstheorien Privatsache und Schwachsinn zugleich sind.
  7. Und die vielen alten Männer müssen ihre Wut darüber, dass sie alte Männer geworden sind, außen vor lassen.

Die Gegenseite sollte sich

  1. Pauschalisierungen verkneifen. Nicht jeder, der mal mit Nazis (die er vielleicht gar nicht als solche erkennt) auf der Straße war, ist gleich selbst einer, und
  2. Rassismus ist zwar eine ansteckende und weit verbreitete, aber auch heilbare “Krankheit”.
  3. Ebenso dürfen Probleme nicht in Sozialromantik untergehen, sondern sie müssen offen angesprochen werden können.
  4. Und man könnte bei den inhaltlichen Überschneidungen anzusetzen versuchen.

Beide Seiten sollten dringend mal googlen (vielleicht auch yahoohen oder bingen?), was eine “Filterblase” ist. Solange sie sich in dieser befinden und nicht aktiv daraus ausbrechen, wird ein Dialog ebenfalls schwierig. Auch müssen beide Seiten zunächst dringend verbal abrüsten.

Und natürlich, zu guter Letzt, sollten allen vorab noch zwei Dinge klar sein: Dialog heißt nicht, einer redet und der/die andere hört (nicht) zu, und ein Dialog muss nicht im Konsens enden, man/frau kann auch Dissens zulassen. Diese Erkenntnis kann sehr hilfreich sein, denn sie verhindert, dass beide Seiten versuchen, die anderen auf ihre Seite zu ziehen und, wenn das nicht klappt, den Dialog als komplett gescheitert ansehen. Funktioniert natürlich nur, wenn o.g. Bedingungen vorab erfüllt sind und eingehalten werden.

Fazit:
Die mehreren Tausend Bürger von Dresden und aus dem Umland, die immerzu und mit Absicht und nicht nur wegen des Eventcharakters (man trifft Gleichgesinnte und kann mal so richtig schimpfen) zu Pegida gehen, diejenigen, die den Hetzrednern applaudieren und “Volksverräter ” brüllen, bei denen der Rassismus von tief drinnen kommt, die sind, fürchte ich, für jeglichen Dialog verloren. Die Integration dieser Menschen in unsere Gesellschaft und unsere Demokratie wird eine große und langfristige Aufgabe sein, um die sich am besten Fachleute kümmern sollten. Vielleicht ist sie gar zum Scheitern verurteilt.

Aber die vielen, die da nur mal mitlaufen und diejenigen aus der schweigenden Mehrheit, die aus Angst, Unsicherheit, teils auch Unwissenheit, eher in die fremdenfeindliche Richtung tendieren, die Gespräche am Arbeitsplatz und in der Familie schwierig machen und die eigentlich diese Spaltung der Gesellschaft erst sichtbar werden lassen, mit denen sollten wir reden. Und wenn wir uns vorab auf o.g. Regeln einigen können, dann könnte es sogar gelingen.

Aber nicht so wie neulich in der Kreuzkirche.

Ein Gedanke zu “Dialog!?

  1. Vielen Dank für dies klare und deutliche Statement Claus, war gestern Abend im Theater: Graf Oederland Wir sind das Volk u möchte es allen Dialoggewillten, Dialogbereiten empfehlen. Lg hildegard

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