Digital Outsiders

So sieht es aus in der Welt der "Digital Outsiders"
So sieht es aus in der Welt der „Digital Outsiders“

Im modernen Medienpädagogen-Fachsprech ist von sogenannten „Digital Natives“ (digitalen Eingeborenen) und „Digital Immigrants“ (digitalen Einwanderern) die Rede. Die erste Gruppe bezeichnet diejenigen, die bereits mit den modernen Medien aufgewachsen sind, die zweite diejenigen, die den Umgang damit erst erlernen mussten.
Nun habe ich seit einiger Zeit mit einer dritten, auch gar nicht mal so kleinen Gruppe zu tun – ich nenne sie mal „Digital Outsiders“ (digitale Außenseiter). Das sind Menschen, die mit der digitalen Welt so gar nichts am Hut haben. Damit sind sie für im Medienbereich tätige Menschen wie mich fremd und interessant, vergisst man doch oft, wie viele davon oder gar dass es sie überhaupt gibt. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen kann man von bis zu 20 Prozent ausgehen, was um die 15 Millionen Bundesbürger bedeuten würde. Bei den unter 30-jähringen geht die Zahl der Digital Outsiders zwar gegen Null, bei den über 70-jährigen kann man jedoch von bis zu 80 Prozent ausgehen.

Nun sitzt mir diese Gruppe regelmäßig gegenüber, in Seminaren zum Thema „Soziale Netzwerke“, die ich für Fahrlehrer in ganz Sachsen halte. Bei den Fahrlehrern ist (wie bei Lehrern im Allgemeinen) eine gewisse Überalterung zu beobachten, und die Seminargruppen setzen sich dann auch überwiegend aus Männern jenseits der 50 zusammen. Der Anteil der „Digital Outsiders“ ist hoch bis sehr hoch.
Die Idee des Sächsischen Fahrlehrerverbandes, dieser Zielgruppe im Rahmen von Fortbildungen die Lebenswelt ihrer Klientel etwas näher zu bringen, ist bemerkenswert und sinnvoll. Und führt meinerseits zur Begegnung mit Menschen, denen ich sonst niemals direkt begegnen würde. Für diese Zielgruppe ist das Thema digitale Welt rätselhaft und teils bedrohlich.
In diesen drei Stunden erfahre ich dann, wie Menschen, die das Internet, wenn überhaupt, nur am Rande und meist gezwungenermaßen nutzen, über Themen der digitalen Welt denken, welche Ressentiments und Ängste sie haben. Denn natürlich nimmt auch diese Bevölkerungsgruppe die digitale Welt wahr – nur eben von außen, über andere Medien wie Fernsehen und Zeitungen, aber nicht direkt. Erstaunlich, wie bestimmte Themen, die durch die Medien gehen, bei den Digital Outsiders ankommen. Beispielsweise die Diskussion, die ein gewisser Herr Spitzer im vergangenen Sommer mit seinem Buch „Die digitale Demenz“ und seinen meist eher unerfreulichen Talkshow- Auftritten anzettelte. Wenn Menschen sich nicht in der digitalen Welt bewegen und auch wenig damit in Berührung kommen, dann wirken undifferenzierte, populistische Argumente wie die des Herrn Spitzer natürlich besonders. Das ist nicht weiter verwunderlich, aber um so bedenklicher.
Vergessen wir nicht, dass auch im Bundestag eine erhebliche Zahl von „Digital Outsiders“ oder zumindest, wie ein Blogger es kürzlich ausdrückte, von „Internet-Blöd-Findern“, sitzen.

Erstaunt stelle ich in diesen Seminaren fest, wie interessiert die Teilnehmer (größtenteils) an den Themen sind, und wie dankbar, wenn sie endlich begriffen haben, wie das alles technisch funktioniert, was Cookies und IP-Adressen sind, und was eigentlich das faszinierende an Sozialen Netzwerken ist. Wie sie plötzlich begreifen, dass die digitale Welt gar nicht so anders funktioniert als die analoge, und wie diffuse Ängste in Sachen Datenschutz plötzlich handhabbar werden, wenn sie erfahren, dass man aktiv und bewusst mit den modernen Medien umgehen und vieles selbst im Griff haben kann. Wie im analogen Leben eben.
Gleichzeitig erwacht eine Sensibilität für Fragen wie Anonymität im Netz, Gefilterte Realität, Meinungsfreiheit, Zensur und die Möglichkeiten der Schwarmintelligenz. Auch beim Thema  Suchtgefahren und Computerspiele bemerken die Teilnehmer, das es eine Sichtweise oberhalb von „Bild“-Zeitung und Spitzer gibt. Schnell sehen sie ein, an welchen Stellen Schulen und Lehrer und auch Eltern in der Verantwortung sind. Und dass Verteufeln nie ein Problem lösen kann, sondern nur Information und Diskussion.
Insgesamt geht also der Plan auf, und die Fahrlehrer haben nach diesen drei Stunden mit Sicherheit ein anderes Verhältnis zur digitalen Lebenswelt ihrer Schüler.

Sicher, diese Gruppe der „Digital Outsiders“ wird sich in den nächsten Jahren nach und nach verkleinern und vielleicht irgendwann ganz aussterben, aber aus meinen Erfahrungen heraus kann ich sagen: nur, weil jemand sich „Digital Native“ nennen kann, bedeutet das noch lange nicht, dass er sich in der digitalen Welt zurechtfindet, geschweige denn selbstbewusst und auch kritisch damit umgehen kann. Oft ist das  Gegenteil der Fall.
Und deshalb gilt, für Lehrer, Eltern, Schüler: Medienbildung rules!

Webseite des Netzwerkes Medienbildung Dresden <

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