Eindimensional

Das Lesen von Posts bei Facebook und Twitter bringt mich zuweilen an die Grenze meiner eigentlich nicht gerade geringen Belastungsfähigkeit. Vor allem die Kommentare bei Facebook sprengen manchmal jeden Rahmen eines menschlichen Miteinanders, wie ich es mir vorstelle. Da sind natürlich zum Einen die „Trolls“ genannten Idioten und Quatschköpfe, die zu allem ihren überflüssigen Sermon absondern müssen. Das war ja auch in der Vor-Social-Network-Welt nicht anders: in der Kneipe redet meistens der am lautesten, der nichts Sinnvolles zu sagen hat.
Momentan wird es aber immer schlimmer, denn wir befinden uns in Zeiten mit Problemen, die komplex sind. Aber alle wollen einfache Lösungen, einfache Erklärungen, sehnen sich scheinbar unbändig danach. Das ist die Keimzelle für den Fluch der Sozialen Netzwerke: die eindimensionale Sichtweise.

Das Hauptproblem bei Konflikten wie dem, der sich um die Ukraine, die Krim, Putin, Janukovitsch und wie sie alle heißen dreht, ist ja, dass es kein Gut, kein Böse, kein Richtig und kein Falsch gibt. Komplexe Gemengelage eben. Wie schon damals im Jugoslawien- Konflikt oder auch in Syrien: eine klassische „Arschloch gegen Arschloch“- Situation, um es mal deutlich zu sagen. Auf wessen Seite soll man da sein, auf der von Arschloch A oder Arschloch B? Schwierige Entscheidung. Oder nein, eigentlich ganz einfach: auf keiner von beiden.
Leidtragende in einem solchen Konflikt sind immer die Menschen, die nicht Akteure sind in diesem Konflikt. Auf deren Seite muss man sich stellen.

Aber zurück zur Ukraine. Was wird da nicht alles an Sinnvollem und Sinnlosen gelabert! Ich will und werde nicht behaupten, dass ich eine Lösung für diesen Konflikt wüsste, das kann niemand, man kann nur versuchen, die Situation zu analysieren und zu diskutieren. Und da sind eindimensionale Sichtweisen wenig hilfreich, sondern sogar kontraproduktiv, denn sie tragen nichts zum Verständnis und schon gar nichts zur Lösung bei, sondern gießen Öl ins Feuer des Konfliktes.
Ein paar Beispiele: natürlich ist es verheerend, dass in Kiew Faschisten in der Übergangsregierung sitzen, aber ist das ein Grund, sich auf die Seite des faschistoiden Macho-Despoten Putin zu schlagen? Natürlich sollten die USA mal ganz still sein, wenn es um das Völkerrecht geht, aber ist das ein Grund, die mit militärischer Gewalt durchgesetzte Annexion eines Teiles eines souveränen Staates in Ordnung zu finden?
Was für einen Grund kann es geben, plötzlich Videos bei Facebook zu posten oder positiv und kritiklos zu kommentieren oder zu teilen, die z.B. von dem österreichischen EU-Abgeordneten und Softnazi Ewald Stadler (der als Wahlbeobachter auf der Krim war) stammen, oder von Ken Jebsen (KenFM), einem durchaus eloquenten Berliner Journalisten, der aber eben auch bekannt ist als Verschwörungstheoretiker und Antisemit, oder gar von „klagemauer.tv“, dem YouTube-Kanal des durchgeknallten Sektenführeres Ivo Sasek? Wie kommt man auf die Idee, dass die deutschen Medien allesamt von Amerika gesteuert werden?? Facebook ist momentan voll von solchen sinnlosen Statements und Verschwörungstheorien.

Um das klar zu sagen: natürlich gibt es tendenziöse Berichterstattung, und das nicht zu knapp, natürlich darf die russischstämmige Bevölkerung auf der Krim darüber abstimmen, ob sie lieber zu Russland gehören möchte, natürlich ist der Drang zur Osterweiterung von NATO und EU genauso fragwürdig wie der russische Imperialismus, usw., aber eben genau deshalb ist eines ebenso überflüssig wie gefährlich in einer solchen Gemengelage: eindimensionale Sichtweise.

Ein paar Dinge, die aus meiner Sicht passieren müssen: die EU muss verlangen, dass die Faschisten nach der Wahl keine Regierungsverantwortung in Kiew bekommen, und sie müssen mit Russland verhandeln. Die UNO muss sich einschalten, damit EU und Russland, die NATO und Putin verhandeln können. Die NATO an sich gehört ebenso in Frage gestellt wie der Sinn und Zweck von Sanktionen. Mehr weiß ich momentan auch nicht, obwohl ich immer versuche, mir ein umfassendes Bild zu machen. Sie ist eben nicht  einfach zu durchschauen und schon gar nicht einfach zu lösen, diese Krise. Was hilfreich ist in solchen Situationen: nachdenken, sich die Sichtweise anderer offen und ernsthaft anhören, Informationen sammeln und einzuordnen versuchen.

Was hingegen völlig klar ist: sich auf Verschwörungstheorien und/oder Rechtspopulisten zu berufen und sich mit eindimensionalen Statements in Sozialen Netzwerken auf eine Seite schlagen zu wollen, das ist ärgerlich und sinnlos. Verschont mich bitte damit!

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