Eine neue Stufe der BedeutungslosigkeitA new level of insignificance

Ich bin fest davon überzeugt, dass einer der Gründe, warum soziale Netzwerke so erfolgreich sind, der Drang des Menschen nach „Unsterblichkeit“ ist. Der Mensch weiß, dass sein Dasein endlich ist, er möchte Spuren hinterlassen. Früher war das schwierig: man musste berühmt werden.

Der Mensch will Spuren hinterlassen...
Der Mensch will Spuren hinterlassen…

Oder wenigstens ein Buch schreiben, eine Platte veröffentlichen. Nur Kinder in die Welt zu setzen hat noch nie gereicht. Denn Erinnerungen und Spuren sind weder gefühlt und noch tatsächlich dasselbe. Heute jedoch, im Netz, besonders in den Sozialen Netzwerken, da scheint das ganz einfach zu sein. Jeder kann irgend was in die Welt hinaus posaunen und damit das Gefühl bekommen, er würde Spuren hinterlassen. Oder sich das zumindest einbilden, denn es ist natürlich eine Illusion.

I am convinced that one of the reasons for the success of social networks is the urge of people to be “immortal”. Everybody knows that their life will definitely come to an end one day. So they wants to leave their mark. In the past, this could be complicated: you had to be famous.

Man wants to leave traces ...
Man wants to leave traces …

Or at least write a book, publish a record. To only bring children into the world has never been enough, because memories and traces do not actually feel the same. And they aren’t the same. And they aren’t the same. Today, however, on the internet, especially on social networks, it seems to be quite simple. Anyone can broadcast any old crap to the world and by doing so get the feeling they’re leaving a mark. Or imagine it at least, for it is of course an illusion.Bis vor ein paar Jahren gab es noch mydeadspace.com, eine Webseite, bestehend aus  (US-) MySpace- Profilen, die eines gemeinsam hatten: ihre Betreiber waren allesamt tot. Angegeben war dann auch jeweils die Todesursache, was in den USA erstaunlich oft Tod durch Erschießen, im Privatleben oder auch im Irak, bedeutete. Da musste man schon morbide sein, um sich da durchzuklicken. Die Protagonisten dieser Seite jedenfalls haben sogar über den Tod hinaus Spuren hinterlassen. Wenn auch unfreiwillig und nur eine Zeit lang (wie gesagt, die Seite gibt es nicht mehr).

Bei Facebook lässt sich kaum feststellen, wie viele User, deren Profile noch online sind,  mittlerweile das Zeitliche gesegnet haben. Die verschwinden vermutlich so nach und nach. Und wer weiß, ob es in vier, fünf Jahren Facebook überhaupt noch gibt? Aber das ist gar nicht wichtig, denn in unserer schnelllebigen Zeit reicht natürlich die Illusion, Spuren zu hinterlassen. Sich der Welt zu präsentieren. Und zwar möglichst positiv (das liegt auch in der Natur des Menschen). Das führt dann dazu, dass die Diskrepanz zwischen der „öffentlichen“ Existenz und dem wirklichen Leben, dem privaten, oft sehr groß wird. Genau daran sind schon Generationen von Rockstars zerbrochen. Wohin soll das nur führen, wenn es jedem Zweiten so geht?

Und das Ganze hat auch noch einen anderen Aspekt: so, wie in den sozialen Netzwerken der Begriff „Freund“ inflationär geworden ist, so hat auch das Wort „Bedeutung“ an Bedeutung verloren. Denn wer glaubt, durch sein virtuelles Ich, das er sich mühsam zusammenlügt, an Bedeutung zu gewinnen, der täuscht sich natürlich ganz gewaltig. Tatsächlich glaube ich, dass man in der digitalen Welt eine ganz neue Stufe der Bedeutungslosigkeit erreichen kann. Stellen wir uns vor, ein schwaches Ego nutzt alle Wege des digitalen Lebens aus, um sich endlich nicht mehr so verdammt bedeutungslos vorzukommen: er sammelt Massen von „Freunden“ in den Sozialen Netzwerken, er komponiert Songs und veröffentlicht sie digital im Netz, er schreibt Bücher und vertreibt sie selbst als E-Book, er schreibt Artikel in einem eigenen Blog.
Da könnte man doch meinen: „Toll, wie einfach das heutzutage ist, jeder kann kreativ sein, jeder kann wichtig sein und (um es mal im „Klout-Jargon“ aufzudrücken) „Einfluss in der digitalen Welt haben.“

Aber, welch Elend, die 3000 Facebook-Freunde lesen gar nicht, was er postet, weil sie ihn auf ihrer Pinnwand lange weggeklickt haben (was er nicht merkt). Seine Musik hört und kauft niemand, sein Blog und auch seine E-Books liest niemand. Und Freunde im echten Leben hat er auch nicht mehr, nicht nur wegen seiner echten oder eingebildeten Defizite im analogen Leben, sondern auch, weil er durch seinen „Spuren-hinterlassen-Wahn“ in der digitalen Welt gar keine Zeit mehr hat, sich um das wahre Leben zu kümmern. Früher hätte er, trotz echter oder eingebildeter Defizite, bestimmt wenigstens ein paar Freunde gehabt, und mit irgendwas hat immer jeder mal glänzen können. Vielleicht mit besonderen Fähigkeiten beim Skat spielen. Oder beim Bier saufen. Aber dazu ist ja keine Zeit mehr.

Was für eine Stufe höchster Bedeutungslosigkeit, die man da erreichen kann… Moment mal, schreibe ich da etwa gerade über mich selbst? Ach nein, kann nicht sein – ich habe keine 3000 Facebook-„Freunde“. Und Skat spielen kann ich auch nicht.Until a few years ago, there was a website called mydeadspace.com, consisting of (mainly U.S.) MySpace profiles that had one thing in common: their operators were all dead. So you could visit the profiles of dead people, see their photos and read whatever was their cause of death. Which, unsurprisingly for the U.S, was more often than not death caused by firearms, in civil life and in Iraq. You’d have had to be a bit morbid to click through that. Anyway, the protagonists of this page have left traces even beyond death albeit unwillingly and only for a short time (as I said, the page no longer exists).

On Facebook it isn’t easy to figure out how many users whose profiles are still online, have passed away. They’re probably, slowly disappearing. And who knows if in four or five years Facebook will even still exist? But that’s unimportant because in our fast moving times, the illusion of leaving traces is enough. To present their own meaningless lives to the world and of course, make them seem as positive as possible (which is also in the nature of man). This leads to the fact that the disparity between the “public” life and real life, is often very apparant. This is precisely what broke generations of rock stars. This is precisely what broke generations of rock stars. Where will this lead when nearly 50% of people have this problem?

And the whole thing has also another aspect: the way the term “friend” has changed use through the social networks, the words “meaning” has become less important. Anyone who thinks that he will gain importance through his created virtual self is wrong, of course, tremendously. Indeed, I believe that in the digital world you can reach a whole new level of insignificance. Imagine, a weak ego uses all pathways of digital life, to finally escape this damn meaningless: he collects masses of “friends” in the social networks, he composes songs and published them digitally on the net, he writes books and sells them as e-books, he writes articles in a blog.
You could still say, “Wow, how easy it is these days, anyone can be creative, and be important and (to put it in the Klout terms) have “influence”, an “impact” in the digital world.

But how miserable, none of his 3000 Facebook friends read what he posts, because they have unticked him in their Newsfeed (which he does not notice). Nobody listens to his music or even buys it, no one reads his blog and his e-books and he doesn’t have any friends in real life any more, not only because of his real or imagined flaws in analog life, but also because he has no time for that any more because of his “trace obsession” in the digital world. In the past, the pre-digital times he would have had, in spite of real or imagined flaws acquired at least a few friends, and everyone always has something they are good at. Maybe being skilled at playing cards. Or at drinking beer. But they’ve got no time for this anymore.

What a stunningly high level of insignificance can be reached nowadays… but wait a minute, am I writing about myself now? Oh no, that can’t be – I don’thave 3000 Facebook “friends”. And I’m not even good at playing cards.

Written and translated by Claus Dethleff (GER)
Language check and corrections by Johannes Dethleff (UK)

Ein Gedanke zu „Eine neue Stufe der BedeutungslosigkeitA new level of insignificance

  1. Ich mag den Text. Ich bin beim googlen von „Bedeutungslosigkeit“ darauf gestossen. Ich hab vorher über etwas ähnliches nachgedacht. Aber schade, dass du das Thema so vereinfachst (oder vereinfachen willst).

    Grade im letzten Abschnitt zeigst du ja nochmal, dass da durchaus noch ein anderer Grund ausschlaggebend sein kann.

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