FortschrittProgress

fortschritt1Kürzlich hörte ich von einer Amerikanerin, die im Medienbereich tätig ist, den Satz „bei der Internet-Nutzung ist Deutschland 7 bis 10 Jahre zurück“. Verglichen mit den USA, versteht sich. Meine erste Reaktion war leichter Ärger. Diese Aussage klang für mich einfach etwas arrogant, schließlich bewege ich mich ständig in der digitalen Welt und arbeite mit dem und im Netz.
Bei näherer Betrachtung hingegen ist dieser Satz jedoch eigentlich sehr aussagekräftig und bietet einiges an Gedankenfutter.
Beinahe hätte ich der Netzaktiven aus den Staaten im Affekt geantwortet: „Mag sein, dass wir da 10 Jahre zurück sind, aber dafür sind wir den USA, was Pazifismus angeht, 68 Jahre voraus“.

fortschritt1Recently, a woman from the U.S., who works in the media business, said, during a presentation: „Regarding the use of the Internet, Germany is 7 to 10 years behind.“ Compared to the U.S., of course. My first reaction was slight anger. This statement sounded a little arrogant. After all, I am moving around in the digital world constantly and working with and on the net.
When I took a closer look on this, however, I found this phrase quite interesting and it provided some food for thought.

Das wäre mal eine gewagte Aussage gewesen! Aber ihre Reaktion hätte mich dann schon interessiert. Ich habe das natürlich dann doch nicht gesagt, ich bin ein höflicher Mensch, und mit Allgemeinplätzen soll man ja vorsichtig sein. Auch wenn sie provokant sind und Spaß machen.

Was heißt eigentlich „voraus“ sein, was bedeutet Fortschritt? Fortschritt ist eine durchaus vielschichtige Sache. Es gibt den uneingeschränkt positiven Fortschritt, wie etwa Penicillin oder AIDS-Therapie oder Hüftgelenksprothesen oder LED Lampen. Dann gibt es natürlich auch den eindeutig negativen Fortschritt, wie Fracking, Kampfdrohnen oder Gesichtserkennung. Dann gibt es noch den Fortschritt, der zwar so aussieht, aber gar keiner ist. Im Gegenteil. Zum Beispiel eine vierspurige Autobahnbrücke in Eisenbahnbrücken-Optik in einem (ehemaligen) UNESCO Weltkulturerbegebiet.
Das Internet ist ein typisches Beispiel für Fortschritt, der gleichzeitig sowohl gut als auch schlecht sein kann. Für die Demokratie und die globale Kommunikation der Menschen ist es gut, für die Geheimdienste hingegen auch und hat damit gleichzeitig sehr negative Nebenwirkungen.

Eigentlich liebe ich ja den Fortschritt. Ich schaue gern nach vorn, Nostalgie ist mir fremd. Leute, die „früher immer alles besser“ fanden, können mir gestohlen bleiben. Und der Fortschritt, gerade der technische, hat ja auch oft die angenehme Eigenschaft (oder sollte sie haben), dass man nicht immer alles mitmachen muss, sondern sich die Rosinen rauspicken kann. Obwohl das in unseren Zeiten der zunehmenden Gleichmacherei leider immer seltener wird. Aber es geht.
Hochauflösende Flachbildfernseher? Cool. 3D-Fernsehen? Brauch‘ ich nicht. Neue Version von Photoshop? Cool. Adobes Creative Cloud? Brauch‘ ich auch nicht. Aber da haben wir auch schon das Problem. Manchen grundsätzlich nützlichen Fortschritt kriegt eben doch nicht ohne Zwänge. Zum Beispiel bei der besagten Creative Cloud. Die neuesten Versionen der Adobe Software gibt es nicht mehr zu kaufen, nur noch zu abonnieren. Das muss nicht per se schlimm sein – für mich ist es sogar (erst einmal) preisgünstiger als sie zu kaufen (an dieser Stelle für die jüngeren Leser, die das vielleicht gar nicht wissen: ja, man kann Software auch KAUFEN), aber sie geht in diesem Falle eben auch mit einer monopolbedingten Gängelung einher. Denn nach dem ersten Jahr des Abos steht es Adobe frei, den Preis beliebig zu steigern, und sie haben es natürlich schlauerweise so eingerichtet, dass man (zumindest bei Premiere, After Effects, Mocha, Illustrator, Indesign), Dateien mit älteren Programm-Versionen nicht mehr öffnen kann. So was kannte ich bisher nur von Apple.
Wenn weltumspannende Monopolisten, oder Global Player wie Google oder Facebook, vom Fortschritt profitieren oder ihn gar betreiben, dann bleibt meist nur: entweder alles mitmachen oder gar nichts.
Zusammenfassend muss ich also etwas relativieren: ich liebe den Fortschritt, aber nur den, der uneingeschränkt positiv ist oder mich zumindest nicht zwingt, ihn bzw. alles an ihm zu benutzen. Oft klappt das ja auch ganz gut, wenn sich der Verbraucher seiner Macht bewusst ist und der Markt den Rest regelt. Nur bei Monopolen kann das mitunter schwierig werden.

Aber zurück zum Ausgangspunkt: vielleicht ist es ja gar nicht schlecht, nicht immer ganz vorn dabei zu sein, und bei der Internetnutzung sogar 7 bis 10 Jahre zurück zu sein? Als beispielsweise das Privatfernsehen bei uns startete, da konnte man am Beispiel USA  damals schon sehen, wohin das in Sachen Verblödung führen würde. Da waren die uns auch weit voraus. Als ich in den 90ern oft in England war, fiel mir auf, wie viele Leute da Mini-Jobs hatten – das war ein Erbe der Thatcher-Ära: Arbeitslosigkeit senken durch Niedriglohn-Dumping. Da waren die uns mindestens 20 Jahre voraus.  Vielleicht sind uns ja die Briten in Sachen Pressefreiheit auch 10 Jahre voraus? Und die Ungarn in Sachen Demokratie? Die Russen in Sachen Homophobie? Die Ägypter 30 Jahre in Sachen Diktatur?

Mein Fazit: Man muss nicht immer ganz vorn dabei sein beim Fortschritt. Und ich werde mir mal etwas mehr Gelassenheit wachsen lassen.At first, I was close to an answer in affect: „May be we are 10 years back in this case, but we are, compared to the U.S., 68 years ahead in terms of pacifism.“

That would have been a bold statement! But her reaction would have been interesting to me. Of course I did NOT say that, I ‚m a polite person, and one should be careful with platitudes. Even if they are provocative and fun.

Instead, I thought: “What does it actually mean – to be ‘ahead’?“ What does ‘progress’ mean?” Progress is quite a complex thing. There is a fully positive progress, such as penicillin or AIDS therapy or artificial hip joints or LED lamps. Then of course there are the clearly negative progress such as fracking, combat drones or digital face recognition. Then there is progress that looks like progress, but is no progress at all. For example, a four-lane highway bridge in railway bridges optics in a (former) UNESCO World Heritage Site like the new Waldschlösschenbrücke in Dresden.
The Internet is a typical example of progress, which can be both good and bad at the same time. It can be good for democracy and global communication of people, and at the same time it has some negative side effects.

Actually, I do love progress. I like to look forward, nostalgia is a strange thing to me. I could never understand people saying “the good old days, when everything was better than today”. And the nice thing about progress, especially the technical one, is (or should be) that you do not have to make use of all of it, but can pick out the raisins. Although that is unfortunately becoming increasingly rare in our times of increasing egalitarianism. But it works.
High-resolution flat-screen TV? Cool. 3D TV ? What could be the use of that? New version of Photoshop? Cool. Adobe Creative Cloud ? Not so cool at all. But there it is, the problem.

Sometimes, you can’t have progress without constraints. The Creative Cloud of Adobe is a good example for that. Regarding latest versions of Adobe software, there is no option any more to buy it, you can only rent it. Which means you do not own it. This isn’t necessarily a bad thing – for me it is actually cheaper than buying it (small hint for younger readers who might not know : yes, it is indeed possible to BUY software). But in this case it comes with monopoly-like nannying . Because after the first year, Adobe is free to raise the price arbitrarily, and of course, they planned the compatibility in a clever way that makes it hard or even impossible (at least with Premiere , After Effects, Mocha , Illustrator, Indesign), to open files with older program versions that you might and/or will own. The only company in that business who was well-known for this kind of strategy used to be Apple.
If global players like Google or Facebook, benefit from progress or even operate it, then usually you only have two options: either participate in all or nothing.
So, in summary, I have to modify my opinion a bit: I love the progress , but only the type which is solely positive or at least does not force me to use it completely. Often this will work out quite well , if the consumer is aware of his power and regulates the market. Only when monopolists play a role, it can sometimes be difficult.

But back to the point : maybe it’s not so bad not always to be on the front line, and even to be back 7 to 10 years of Internet use might be rather a good thing? For example, when commercial television started in Germany more than twenty years ago, you could already see by a look at the U.S. what it is like when it comes to stupefaction. In this case, they were  far ahead of the us, too. When I was in England several time in the 1990s, I was surprised how many people there were working in mini-jobs – that was a legacy of the Thatcher era: reducing unemployment rates through low-wage dumping. In this case, they were ahead of us in Germany at least 20 years . Maybe the British are 10 years ahead in terms of press freedom? And the Hungarians in terms of democracy? The Russians in terms of homophobia? The Egyptians 30 years ahead in terms of dictatorship?

My conclusion: You do not always have be at the forefront of progress. And I will try to work on my calmness.

2 Gedanken zu „FortschrittProgress

  1. Ich nehme an, die Pointe bezieht sich auf die Niederlage Deutschlands 1945 und den daraus folgenden 68jährigen Zwangspazifismus. Glücklicherweise für den Rest der Welt waren die Amerikaner damals sehr wenig pazifistisch. Deutschland war in den letzten 68 Jahren übrigens militärisch aktiv im Kosovo, Afghanistan, Kroatien, Somalia, Libanon und sonst wo in der Welt. Dieses beleidigte Leberwurst-Deutschtum ist also nicht nur sehr überflüssig, sonder auch sachlich falsch. Viel Spass auf der Fanmeile.

    1. Das war, wie vermutlich die meisten Leser auch gemerkt haben, natürlich nicht so ernst gemeint. Aber Humor ist ja nicht jedermanns Sache. Mir ausgerechnet Deutschtum zu unterstellen ist frech. Artikel und Blog nicht gelesen oder nicht verstanden. Setzen, Sechs.

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