Gier

gierKürzlich war ich mal wieder beim Friseur. War nötig, und mit dem Ergebnis war ich am Ende (wie immer) auch sehr zufrieden. Nur an der Kasse wurde es dann doch noch etwas unerfreulich: satte zehn Prozent Preiserhöhung im Vergleich zum letzten Haarschnitt, und das, nachdem die Preise ein Jahr zuvor schon einmal in ähnlicher Höhe gestiegen waren!
Überraschung meinerseits und das dringende Bedürfnis nach einer Erklärung stellten sich ein.
Meine wirklich sehr nette Friseurin, der ich schon viele Jahre mein kostbares, immer spärlicher werdendes Haupthaar anvertraue, wies mich mit entschuldigender Geste auf einen Aufsteller auf dem Kassentresen hin. Dort stand geschrieben: “Werte Kunden, wir zahlen seit dem 1. September den tariflich vereinbarten Mindestlohn. Daher mussten wir unsere Preise anpassen.”

Das klingt natürlich erst einmal logisch – per Tarifvertrag (oder vielleicht bald, so Frau Merkel es zulässt, per Gesetz) wird ein Unternehmer gezwungen, einen höheren Lohn zu zahlen. Das legt er dann natürlich gezwungenermaßen auf den Kunden um, da sonst ein Gewinneinbruch droht. Was natürlich auch nicht im Sinne der Angestellten sein kann.
In diesem speziellen Fall allerdings muss man sich das Ganze mal auf der geistigen Zunge zergehen lassen: da macht also einer Gewinn, indem er Angestellte in prekären Arbeitsverhältnissen arbeiten lässt. Früher mal nannte man so etwas Ausbeutung. Ach, eigentlich nennt man es auch heute noch so.

Man denkt ja, wenn man “Mindestlohn” hört, heute zwangsläufig an 8,50 €. Auf Nachfrage erklärte meine Friseurin mir allerdings (wir sind ja schließlich im Osten), dass es sich hier natürlich nicht um 8,50 €, sondern um einen Lohn von 6,50 € handelt. Was wiederum bedeutet, dass diese Friseurkette, von der wir hier reden, vorher seinen Angestellten weniger als 6,50 € bezahlt hat und die Erhöhung auf diesen Mindestlohn für eine zehnprozentige Preiserhöhung herhalten muss! Frechheit! Ein Haarschnitt mit Haarwäsche, der eine halbe Stunde dauert, kostet übrigens jetzt 21,50 €. Macht pro Stunde 43,- €, bei Lohnkosten von 6,50 €! Das ist ein Verhältnis von Lohnkosten zu Umsatz, das nur unwesentlich von dem in der Stahlindustrie abweicht. Und da fallen noch exorbitante Material- und Energiekosten an! Vielleicht sollte ich eine Friseurkette aufmachen, um doch noch reich und schön zu werden…

Aber es kommt noch schlimmer. Natürlich war meine Neugier geweckt, was denn die Lohnempfänger davon haben, und so fragte ich meine Friseurin, ob sie denn nun mehr verdiene als zuvor. Der Leser ahnt es vielleicht schon: nein, tut sie nicht. Was natürlich die Unverschämtheit dieses ganzen Vorgangs auf die Spitze treibt. Da erhöht der Unternehmer seine Preise mit der “Mindestlohn”- Begründung, der Kunde zahlt zehn Prozent mehr, und der Angestellte (oder sollte man sagen “Lohnsklave”?) hat noch nicht einmal was davon? Ist Gier nicht eigentlich eine der sieben Todsünden?

Nun aber zum Grund dafür, dass sie nicht mehr verdient: jeder Angestellte dieser Kette arbeitet in einer Art “Akkord-System” (ich glaube, das nennet sich „Leistungs-Lohn“). Das heißt, er oder sie muss einen bestimmten Umsatz bringen. Grundsätzlich ist das vielleicht noch akzeptabel, sorgt es doch für eine gewisse Qualitätskontrolle. Allerdings ist dieses System gnadenlos und nicht an die tägliche Arbeitsrealität angepasst, sondern eben nur von diesem Gier-Gedanken beseelt. Es ist nämlich ein himmelweiter Unterschied, ob eine Friseurin einen Herrenschnitt, einen Damenschnitt, mit oder ohne Wäsche und vor Allem mit oder ohne Haarfärben macht (da ist natürlich der Umsatz viel höher). Meine Friseurin hat fast nur männliche Kunden, viele davon schon älter und mit eher dürftiger Haarpracht ausgestattet. Das wiederum führt in ihrem Fall dazu, dass sie den Umsatz nicht schafft. Erst recht nicht, seit dieser, auch mit der Mindestlohn- Begründung, kürzlich wieder erhöht wurde. Schafft ein Angestellter sein Limit nämlich nicht, dann wir ihm Zeit gestrichen. Und das wiederum führt in diesem Falle dazu, dass sich die Arbeitszeit meiner Friseurin so reduziert hat, dass sie nicht mehr verdient als vorher.

Da schließt sich dann der Kreis aus Umsatz, prekärem Lohn und Gier. Gewinner ist, wie immer, nur einer: der Gierige.

Hier im Osten hat das ja sozusagen schon Tradition: die Übernahme des kompletten Einzelhandels direkt nach der Wende durch die Westkonzerne – da wurde diese Tradition begründet. Da zahlte man/frau dann im Laden bei Edeka, Lidl oder Aldi oder wie sie alle heißen, die selben Preise wie im Westen, die Lohnsklaven an der Kasse hingegen erhielten Hungerlöhne. Bis heute wird ihnen wesentlich weniger bezahlt als den Kollegen im Westen.

Im Kapitalismus ist Gier eben keine Todsünde (in der Kirche übrigens auch nicht), sondern eher eine Tugend.

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