Graffiti an der Waldschlößchenbrücke

Eine der wirklich schönen Seiten unserer Demokratie ist, dass jeder Bürger das Recht hat, Petitionen einzureichen, die dann auch von den entsprechenden Stellen bearbeitet werden müssen.

Die schicke neue Brücke
Die schicke neue Brücke

Nun gibt es ja in Dresden diese neue Brücke, die unsere schöne Stadt den Unesco Weltkulturerbe-Titel gekostet hat. Die Fertigstellung und Eröffnung war schon für 2012 geplant, aber wie es bei öffentlichen Bauvorhaben so ist – jetzt wird es (bei exorbitant gestiegenen Kosten ) der kommende Montag sein, der 26. August 2013. Das Problem, neben der Sache mit dem Elbtal, ist die Optik dieser Brücke. Viel Stahl, Eisenbahnromantik, und an den Enden jede Menge Sichtbeton. Als ich im Sommer 2011 in Paris war, kam mir eine Idee zur Gestaltung, und ich verfasste folgende Petition:

Petition
an den Stadtrat der Landeshauptstadt Dresden

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte hiermit folgende Petition an den Rat richten, mit der Bitte um Beratung und Entscheidung.

Sichtbetonfläche auf der Neustädter Seite
Sichtbetonfläche auf der Neustädter Seite

Im Laufe des Jahres 2012 werden die Bauarbeiten an der Waldschlösschenbrücke beendet und das Bauwerk fertiggestellt sein. Im Zuge dieser Baumaßnahme wurden auf beiden Elbseiten umfangreiche Stütz- Abfang- und Tunnelwände aus Sichtbeton hergestellt. Ich möchte den Stadtrat hiermit bitten, diese Sichtbetonflächen, soweit es die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigt, für Streetart und Graffitikünstler komplett frei zu geben.

Begründung:
In Dresden gibt es, wie auch in allen anderen größeren Städten weltweit, eine interessante und anspruchsvolle Graffiti- und Streetart- Szene. Es gibt viele Beispiele aus anderen Städten (und auch aus Dresden selbst), wo freigegebene Flächen von den ortsansässigen Künstlern interessant und künstlerisch anspruchsvoll gestaltet wurden und werden. Kürzlich war ich in Paris und dort überwältigt von der Qualität und Vielseitigkeit der Malereien an der Rue de Pyrénées, wo ein komplettes Gebäudeareal freigegeben wurde.

Graffiti in Paris
Graffiti in Paris

Das Gegenargument, es würden hier nur „Schmierereien“ entstehen, ist nicht überzeugend, denn liederlich aussehende Graffitis entstehen in der Regel nur an nicht legalen Flächen durch den Zeitdruck, der wegen der Gefahr, von der Polizei verhaftet zu werden, entsteht. Wenn die Künstler legal sprühen können, entstehen hochwertige Kunstwerke, und gerade bei so großen, zusammenhängenden Flächen wie sie jetzt an der neuen Brücke entstehen, wird es mit Sicherheit eine hohe Qualität der Kunst geben.
Dieses bunte und lebendige Treiben würde sich auf die Außenwahrnehmung der Stadt Dresden als weltoffene, moderne Stadt positiv auswirken und bestimmt auch touristisch interessant sein. Besser aussehen als graue Betonflächen würde diese wechselnde künst-lerische Gestaltung allemal. Für die dauerhafte Qualität der Malereien sorgt übrigens die Künstlerszene selbst, da es dort strenge Regeln für die Gestaltung und vor allem die Neugestaltung bereits besprühter Flächen gibt.

Mit freundlichen Grüßen

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Drei Monate später bekam ich die erwartete und erfreulicherweise umfassende Antwort: 

Sehr geehrter Herr Dethleff,
die in Ihrer Petition eingebrachte Anregung und deren Umsetzung haben wir umfassend prüfen lassen.

Im Ergebnis dessen stellte sich heraus, dass die von Ihnen angeregte komplette Freigabe von Sichtbetonflächen im Bereich des Verkehrszuges Waldschlößchenbrucke aus folgenden Gründen nicht realisierbar ist:

Die Kulturlandschaft Dresdner Elbtal ist durch Erhaltungs- und Denkmalschutzgebiets-satzungen geschützt. Insbesondere der zusammenhängende, ausgedehnte Fluss- und Wiesenraum ist bekanntermaßen von hoher Qualität. Die Waldschlößchenbrucke steht an einer für die räumliche Wahrnehmung dieses Landschaftsraumes sehr sensiblen Stelle.

Unter diesen Gesichtspunkten kann der kompletten Freigabe der Sichtbetonflächen für Streetart und Graffitikunst nicht zugestimmt werden. Es ist davon auszugehen, dass große kompakte, farbige Bildwände entstehen, die dem Landschaftsraum einen völlig neuen Charakter verleihen.

Außerdem ist bei Flächen, wie den Brückenwiderlagern und dem Tunnelportal die Sichtbetonoptik ein Bestandteil der architektonischen Wirkung. Eine Veränderung wurde zu einer Verletzung des Urheberrechts des Entwurfsverfassers führen. Diese Flachen wurden auch bereits mit einem Anti-Graffitisystem versehen.

Darüberhinaus wurden in Auswertung der umfangreichen Erfahrungen mit für Graffiti freigegebenen Flächen, welche wir im Rahmen der Tätigkeiten des Kriminalpräventiven Rates z. B. beim Projekt „legal plain“ und in Zusammenarbeit mit dem „spike e. V.“ und dessen Projekt „urban syndromes“ gesammelt haben, folgende negative Auswirkungen auf die Bauwerkssubstanz festgestellt, die eine Ausweitung dieser Aktivitäten auf andere Bauwerke ausschließt:

I. Nach mehrjährigen Testphasen verhärtet sich der Verdacht, dass Inhaltsstoffe der Farben oder Treibgase eine Alkali-Kieselsaure-Reaktion auslösen oder zumindest beschleunigen. Diese Reaktion hat eine betonzersetzende Wirkung. Insbesondere im Gorbitzer
Fußgängertunnel sind mittlerweile Schäden an der Betonstruktur entstanden, die bei naturbelassenem Beton aus dem Umfeld nicht bekannt sind. Diesbezüugliche stoffliche Untersuchungen sind offensichtlich in der Forschung noch nicht betrieben worden, so
dass verläassliche Aussagen derzeit nicht zur Verfügung stehen.
Aufgrund der betonschäadigenden Wirkung erhöhen sich die Unterhaltungs- und Sanierungskosten für die Landeshauptstadt Dresden. Ein Aufwand, welcher ohne Graffiti nicht entstanden wäre.

II. Im Arbeitsbereich der Sprayer setzt eine unbeherrschbare Vermüllung des Umfeldes ein. Beispielsweise finden sich im Bereich der Flutrinnenbrücke Unmengen an leeren Spraydosen, Glasbruch und Schrott, begleitet von einem stark erhöhten Vandalismuspotenzial bezüglich der Ausrüstungsteile der Brücke. Auch dadurch steigen die Wartungs- und Unterhaltungskosten für dieses Bauwerk.

Ill Viele Motive aus beiden Sprayerlagern provozieren einen Teil der Bürgerschaft, die in der Folge den Bauwerksverwalter permanent unter Druck setzt (Ordnung herstellen, andere Themen wählen). Der Bauwerksverwalter ist allerdings nicht annähernd in der Lage, den Forderungen nachzukommen oder die Motivwahl zu beeinflussen. Dieses Phänomen hat inzwischen in Gorbitz eine Bürgerinitiative auf den Plan gerufen. Der Verwaltungsaufwand steigt damit nicht unerheblich.

Mit freundlichen Grüßen

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Immerhin hatten die sich umfassende Gedanken gemacht, wenn auch die Begründungen für die Ablehnung teilweise abenteuerlich sind.
Zum Beispiel der Hinweis „Die Waldschlößchenbrucke steht an einer für die räumliche Wahrnehmung dieses Landschaftsraumes sehr sensiblen Stelle.“ war schon befremdlich, denn genau aus diesem Grund war ja der Welterbetitel abhanden gelkommen, und nun hielt exakt das als Begründung gegen Streetart und Graffiti her…?
Was der Verwaltung nicht klar zu sein scheint: die Betonflächen werden sowieso besprüht (die Sprayer scharren schon ungeduldig mit den Füßen), allerdings hätten sie hier die Gelegenheit gehabt, die Qualität dieser Kunst erhelblich zu steigern.

Die Sache mit der Vermüllung habe ich mir übrigens von Sprayern erklären lassen: an der Flutrinne gibt es keine Abfallbehälter. Gäbe es welche, würde dieses Problem nicht bestehen. Und der Hinweis auf den durch die Farben angegriffenen Beton macht mir Sorge – vielleicht fahre ich da doch lieber nicht mit meinem Auto, das immerhin ca. eine Tonne wiegt, drüber…

Und zuguterletzt der Hinweis auf die Motive und eventuelle Bürgeninitiativen – es ist wohl an der Zeit, eine neue BI zu gründen, eine gegen Sichtbeton. Und sinnlose Brücken.

6 Gedanken zu „Graffiti an der Waldschlößchenbrücke

  1. Nana…also das Gegenargument mit den fehlenden Mülleimern ist ja wohl eine … ich finde keine Worte! Dass du dem noch Zucker gibst enttäuscht mich etwas. Nehmt euren Scheiß nach der Benutzung doch einfach wieder mit !!!

  2. Schön das du auf den verschobenen Termin und die gestiegenen Kosten eingehst. Leider nicht warum. Einen erheblichen Anteil haben Leute, die stolz darauf sind, mit sinnlosen Gerichtsverfahren und Verzögerungstechniken sowas zu blockieren. Auch das ist Demokratie, die nun alle bezahlen dürfen. Wie vermutlich die Reinigung von sinnlosen Graffities. Aber vermutlich ist Dein Geld nicht dabei.

    1. Ich habe mir vorgenommen, auch unqualifizierte Kommentare nicht zurückzuweisen, weil sie sich meist selbst entlarven. Das ist hier der Fall. Und übrigens ist die Unterstellung, ich würde keine Steuern zahlen, eine bodenlose Frechheit.

  3. Lieber Herr Dethleff,

    ich finde Ihre Anregung vorbildlich: Da nun schon „die räumliche Wahrnehmung dieses Landschaftsraumes [an] sehr sensible[r] Stelle“ (in meinen Augen stark) beeinträchtigt wurde, halte auch ich die Förderung von Kultur durch die moderne Kunstform „street art“ für sehr angebracht. Ich persönlich kenne eine Menge von Leuten, die sehr hochwertige Kunst in diesem Sinne schöpfen können. Ihre Argumentation ist dahin gehend für mich auf alle Fälle nachvollziehbar. Auch der präventive Charakter solch einer Freigabe, Straftaten vorzubeugen, ist nicht zu unterschätzen. Ich denke, es wird sich in Zukunft zeigen, welche Herangehensweise mehr Kosten verursacht. Sicherlich, ich kenne mich diesbezüglich nicht aus, wird die Verfolgung von Straftaten aus einem anderen Topf bezahlt, also nicht den Instandhaltungskosten zugerechnet. Somit ist das von der Stadt hervorgebrachte Argument nur ein Scheinargument. Da Kosten durch Graffiti vermutlich so und so anfallen werden.

    Die beiden vorangegangenen Kommentare zeigen uns jedoch symbolhaft, dass die Mehrheit der Dresdner, wie im Bürgerentscheid ermittelt, diese Brücke wirklich gut findet. Die Mehrheit der Dresdner fährt aber auch Auto. Wenn man mit dem Auto über die Brücke fährt, sieht man nicht sehr viel von der hässlichen Gestalt, sondern nur von der „atemberaubenden“ Aussicht, wie in der SZ schon bemerkt. Wenn dann die Autofahrer keinen Sinn für Kultur übrig haben, sondern eher für ihre Bequemlichkeit und ihre Zeitersparnis, werden sie die Brücke, so wie sie dasteht, sogar als ästhetisch empfinden. Nun gut, ich habe nichts gegen Autofahrer und deren Sinn für Ästhetik. Die meisten sehen aber allein ihr Anliegen, wie mir jeden Tag im Berufsverkehr wieder auffällt, und sind frustriert, dass der Sprit so teuer ist, dass die Ampelschaltung unsinnig ist, das der Vorfahrer so lange zur Beschleunigung braucht oder schon bei Gelb bremst, dass Fahrradfahrer trotz Lichtanlage so schlecht zu sehen sind und überhaupt nur Verkehrshinternisse den Weg versperren. Für mich als Radfahrer ist diese Brücke ohnehin beinahe nutzlos. Die einzige Zeit- und Wegersparnis sehe ich, wenn ich von Klotzsche aus zum Fetscherplatz möchte, was im Durchschnitt einmal im Jahr vorkommt.

    Ich fände es auch schön, interessante Motive vom Elbradweg aus betrachten zu können. Mein Sohn würde sich genauso darüber freuen. Es gibt ja auch Künstler, die wahre Gemälde mit Farbdosen zaubern können. Da ein Graffiti auch nur vergleichsweise wenige Jahre erhalten bleibt, trägt diese Kunstform auch den Aspekt der Vergänglichkeit in sich. (Die Vergänglichkeit ist ein Kerngedanke des Barock und spiegelt sich, wie jedes Kind in der Schule lernt, im Vanitas-Gedanken von Memento Mori und Carpe Diem wieder. Ebenso könnten die street art Künstler thematisch in dieser Richtung motiviert werden.) Die Barockstadt Dresden könnte durch so eine Bereicherung eine echte „Brücke“ in die Gegenwart schlagen.

    Ob Farbsprays den Beton angreifen, kann ich nicht beurteilen. Das wird wahrscheinlich sogar so sein. Doch selbst da: Eine Verschalung mit dünnen Holzplatten wird wohl nicht die Kosten ins Unermessliche steigern. Der Mehrwert durch Kunst wird vermutlich mehr Gelder in die Stadtkasse bringen, als so eine Verschalung kostet. Ich kenne Leute, die reisen extra nach Berlin, Sao Paulo oder London, um street art zu bewundern. Eine Bettensteuer wird meines Erachtens auch in Dresden eingeführt. Also wo soll das Problem sein?

    MfG Bernhard Vollmer

    PS: Ihre Datendusche finde ich gut.

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