Hellersdorf

Wo immer es etwas zu vereinnahmen gibt, sind sie nicht weit: die Nazis. Hier am 17. Juni 2013 in Dresden
Wo immer es etwas zu vereinnahmen gibt, sind sie nicht weit: die Nazis.
Hier am 17. Juni 2013 in Dresden

Berlin-Hellersdorf, das ist eine Plattenbausiedlung im Osten von Berlin, ein sozialer Problembezirk.
Berlin-Hellersdorf, das ist da, wo sich im August 2013 die hässliche Fratze des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit gezeigt hat, in der Tradition von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda. Viele können sich vermutlich, trotz vieler Berichte in Presse und Fernsehen, nicht wirklich vorstellen, was da konkret abgeht. Mich erreichte ein Augenzeugenbericht von einer NPD-Kundgebung (nicht diekt am Asylbewerberheim), den ich gern präsentieren möchte. Die beiden Personen, die hier von ihrem Besuch in Berlin-Hellersdorf berichten, sind mir gut bekannt. Der Bericht gibt exakt die Ereignisse an einem Tag Ende August wieder, ohne jegliche Übertreibungen oder Hinzudichtungen.

Erlebnisbericht zu den Ereignissen um die NPD Kundgebung am 24.08.13 in Berlin Marzahn-Hellersdorf
Marzahn Hellersdorf, ein Randbezirk im Berliner Osten, von dem ich zwar gehört hatte, der aber nie besonderes Interesse hervorrief, kam mir erst kürzlich durch das dort eingerichtete Asylbewerberheim zu unerfreulichem Bewusstsein. Durch die Aufmerksamkeit der Medien wird es vielen Menschen ähnlich gegangen sein, denn die Bilder, die aus der Nachbarschaft des Heimes auftauchten, waren erschreckend. Ein Teil der Anwohner richtete sich, noch vor dem Eintreffen der Flüchtlinge, direkt und organisiert gegen das Heim und ihr Bild der Menschen, die dort Zuflucht finden sollten. Von Angst war die Rede, von dem Bezirk als ihrer Heimat, die weiterhin für die Kinder sicher bleiben solle. Aufgebrachte Anwohner standen Unterstützern des Heimes, das unter Polizeibewachung stand und einen Sicherheitsdienst beschäftigten musste, gegenüber.

thorshammer
Thorshammer
Foto: Uwe H. Friese
Quelle: Wikipedia
Lizenz: CC

Für die NPD kam die Gelegenheit im Wahlkampf natürlich passend und ihr „Flaggschiff“ (eigentlich ein LKW mit der üblichen [gruseligen] Parteiwerbung) sollte am 24.08.13 auf dem Alice Salomon Platz, nicht weit von dem Asylbewerberheim, auffahren. Da ich mich zu der Zeit in Berlin aufhielt, beschloss ich mit meiner Begleiterin an der entsprechenden Gegenveranstaltung teilzunehmen. Was folgen sollte, vertiefte den erschreckenden Eindruck der dortigen Verhältnisse noch.
Nach einem recht langen Weg mit der S Bahn erreichten wir eine Station, an der wir in einen Ersatzverkehr der U-Bahn umsteigen mussten, da diese nicht wie üblich verkehrte. Auf dem Bahnsteig (noch ein ganzes Stück vom Kundgebungsort entfernt), kam es zu einer Begegnung mit einem bärtigen Herren. Er trug einen Thorshammer um den Hals, der bei Neonazis beliebt ist, den Hund hatte er an der kurzen Leine und einen grimmigen Blick für uns, mit dem er sich noch nach uns umdrehte, da uns wohl die Zugehörigkeit zum „gegnerischen“ politischen Lager anzusehen war. Ein zunächst unscheinbar aussehender junger Mann an der Bushaltestelle entpuppte sich später als ähnlicher Charakter, als er sich kurz vor dem Aussteigen neben mir herabbeugte und mir durchdringend und offen provozierend ins Gesicht starrte.
Am Kundgebungsort wurden die Gegendemonstranten von der Polizei in einen umzäunten Bereich geleitet. Dort befanden sich allerdings einige seltsame Gestalten, unter anderem ein Herr, der zweifelhafte Berühmtheit erlangt hatte, da er vor dem Heim und laufenden Kameras einige Tage zuvor den Hitlergruß gezeigt hatte und deswegen festgenommen worden war. Auch der Mann aus dem Bus und ein anderer Herr gesellten sich zu ihm. Zudem war der Platz von allerlei ähnlichen Menschen bevölkert, was die Gegendemonstranten dazu bewog, in Frage zu stellen, ob man von der Polizei richtig geleitet worden sei.
Nachdem mehrfach fotografiert wurde, wiesen einige Leute die Polizei auf jene drei Herren hin und diese wurden aus der Absperrung geschickt. Als es langsam mehr Demonstranten wurden, stieg auch das Sicherheitsgefühl, das die anwesende Polizei kaum vermitteln konnte. Doch schnell wurde es wieder unangenehm. In verschiedenen Abständen tauchten Personen auf, die meist muskulös, glatzköpfig oder anderweitig auffällig waren und scheinbar ziellos über den Platz oder um die Absperrungen liefen. Dass diese martialisch aussehenden Männer ein wenig Streife in ihrer vermeintlich national befreiten Zone liefen, war unschwer zu erkennen. Die Sympathie eines Teils der Anwohner mit dem Gedankengut der NPD war durch die bisherigen Ereignisse allzu offensichtlich geworden.

Auf einmal wurde es laut, als auf der anderen Seite der Straße Teilnehmer der NPD- Versammlung in einer größeren Gruppe eintrafen und sofort begannen zu provozieren und diverse Gesten in Richtung der Gegendemonstranten zu zeigen.
Schließlich tauchte der LKW auf, und die NPD Anhänger fingen an aufzubauen. Spätestens als deren Veranstaltung schließlich begann, waren die Gemüter auf Seiten der Gegendemonstranten genügend erhitzt, um kleinere Auseinandersetzungen mit der Polizei auszulösen, in deren Folge es auch zu brutalen Festnahmen kam. Die Polizei war bewaffnet und gerüstet, um die NPD Kundegebung zu verteidigen und unterdrückte weitgehend weitere Ausbruchsversuche der Gegendemonstranten.
Als die Neonazis sich schließlich nach allerlei aggressiven Reden (unter anderem direkt gegen die Gegendemonstranten, die sich doch in ihrer Menschenliebe einige kriminelle Ausländer ins Haus holen, oder gleich das Land mit diesen verlassen sollten) sich langsam zum Abzug bereitmachten, begann die Polizei in kleinen Gruppen in die Veranstaltung der NPD-Gegner einzudringen und sich in Kampfbereitschaft in der Menschenmenge aufzubauen.
Spätestens an diesem Punkt war, neben der Angst vor den Neonazis, auch Angst vor der aggressiven Polizei eingetreten und wir begannen zu rätseln, wie wir wohl nach Hause kommen sollten, ohne an einem Polizeiknüppel oder einem Baseballschläger Schaden zu nehmen. Nachdem eine Polizeigruppe friedliche Menschen aus einem kleinen Sitzkreis ohne Vorwarnung nach oben gerissen hatte, um diese festzunehmen, beschlossen wir, die Kundgebung zu verlassen.
Auf dem Rückweg, wohl eher einer Flucht vor der Polizei und den mittlerweile überall vermuteten Neonazis, kam es dann in Lichtenberg noch zu einer Auseinandersetzung von glatzköpfigen jungen Männern und Menschen in einem anderen Teil der S Bahn, wonach die vermeintlichen Neonazis mit wüsten Beschimpfungen in Richtung der S-Bahn und kampfbereit mit Bierflaschen in der Hand abzogen. Erst mit steigender Entfernung zu den Orten der Geschehnisse legte sich dann langsam die Aufregung. Der Schrecken prägte sich jedoch ein und gesellte sich zu dem Unverständnis dem gegenüber, was an diesem Tag geschehen und vor allem was nicht geschehen war.“

Die NPD versteht es, den latent vorhandenen Rassismus in unserer Gesellschaft, besonders dort, wo die Menschen sich selbst sozial an den Rand gedrängt fühlen, zu instrumentalisieren. Die hier geschilderte Art und Weise, wie die Rechten sich dadurch sicher und bestärkt fühlen und offen aggressiv auftreten, lässt die Gefahr erahnen, die durch so etwas entsteht. Dass die Polizei es in diesem Falle als ihre Aufgabe sieht, die Nazis zu schützen und Gegendemonstranten einzuschüchtern und zu bedrohen, macht mich wütend.
Es ist höchste Zeit, diesem braunen Spuk entschlossen entgegenzutreten, sich nicht einschüchtern zu lassen. Aufklärung statt Verdummung wäre natürlich auch eine gute Idee… Sarrazin und die Brandstifter lassen grüßen!
Und natürlich hat man gerade hier starke Argumente für eine dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen und gegen die Residenzpflicht. Integration statt Ausgrenzung muss das Zauberwort lauten.

Alle Flüchtlinge und alle Asylsuchenden brauchen unsere Solidarität und Unterstützung!

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