Im Sog der Stolpersteine

Eine Recherche kann wie ein Sog sein. Sie kann einen einsaugen in eine Welt, die kein Ende zu haben scheint und die einen nicht mehr loslassen will. Das habe ich in den letzten Wochen am eigenen Leib erfahren.

Stolperstein in Berlin. Foto: Thomas Quine

Stolperstein in Berlin.
Foto: Thomas Quine

Eigentlich fing das alles schon vor Monaten an. Schon länger bin ich aktiv in der Bürgerinitiative “Laubegast ist bunt!“, die es sich zum Ziel gesetzt hat, dafür zu sorgen, dass Laubegast ein offener, bunter und toleranter Stadtteil wird bzw. bleibt.
Anlass für die Gründung dieses Netzwerkes, in dem Bürger, Ortsbeiräte und auch die Polizei zusammenarbeiten, war das Wahlergebnis der letzten Stadtratswahl. Bei dieser brachte es die NPD im Wahlbezirk Laubegast/Leuben auf teilweise bis zu 7% (Laubegast) und sogar 8,5% (Leuben) der Stimmen. Hauptaugenmerk der Initiative ist also rechtsextremistisches Gedankengut und was man dagegen tun kann.
Ende Oktober 2012 hatte dann jemand die Idee, auch hier bei uns in Laubegast sogenannte “Stolpersteine” zu verlegen. Damit begann es für mich.

Das Projekt “Stolpersteine” des Kölner Künstlers Gunter Demnig, bei dem Pflastersteine aus Messing im öffentlichen Raum verlegt werden, um an das Schicksal von Opfern des Nationalsozialismus zu erinnern, erschien uns sehr geeignet, um die Sensibilität für dieses Thema im Stadtteil zu erhöhen.
Ich erklärte mich bereit, mal eine erste Recherche anzustellen. Es ging um die Frage, ob es in diesem Stadtteil überhaupt Opfer gegeben hatte und ob sich etwas über deren Schicksal herausfinden ließ. Schon ein paar Tage später fand ich Zeit, und erstmal klickte ich natürlich im Netz herum. Schnell wurde klar, was für ein Stück Arbeit ich mir da aufgehalst hatte. Eigentlich wollte ich ja nur eine ERSTE Recherche machen, aber so einfach geht das nicht. Das ist ja das “soghafte” an der Recherche: man findet etwas heraus, aber daraus ergeben sich dann zig andere Wege, die man auch noch einschlagen will/kann/muss.

Zunächst bekam die ganze Sache einen Dämpfer, denn ich fand heraus, dass Laubegast erst Ende der 1920er Jahre Teil von Dresden wurde. Das bedeutete, dass hier während der Nazizeit noch mehr oder weniger ländliches Randgebiet war. Zuerst dachte ich, es würde hier überhaupt keine Schicksale für die Stolpersteine geben. Vor der eigentlichen Personenrecherche musste ich auch erst einmal herausfinden, ob die Straßen in Laubegast zu jener Zeit anders geheißen hatten. Vielleicht hatte es ja eine Herrmann-Göring-Straße gegeben? Um es kurz zu machen: hatte es nicht, fast alle Straßen hatten damals denselben Namen wie heute.
Bald stieß ich auf das “Buch der Erinnerung”, herausgegeben vom “Verein für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V.”. In diesem Buch, das in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Dresden und dem Verein “Hatikva” entstanden war, sind die Schicksale von mehr als 2000 Dresdnern jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung dokumentiert. Da hatte sich jemand schon einmal große Mühe gegeben. Ich kaufte mir das (dicke und mit vielen Fotos versehene) Buch und wollte loslegen. Wohlgemerkt: wollte, denn mein Plan, das Buch einfach zu durchforsten, auf der Suche nach Adressen in Laubegast, ließ sich nicht so einfach umsetzen.
Brachte die Einleitung noch sehr interessante Informationen (z.B. dass 1933 nur 0,83% der Bewohner Dresdens Juden waren und ihre Gesamtzahl unter 5000 lag), so war es mir vollkommen unmöglich, dieses Buch einfach “durchzuarbeiten”. Immer wieder musste ich mehrere Tage davon lassen, so schwer erträglich war die intensive Beschäftigung mit diesen grauenhaften Schicksalen, den vielen Fotos, den Namen von Vätern, Müttern und Kindern. Das war sehr mühsam und bescherte mir die ersten unruhigen Nächte mit schlechten Träumen. Immerhin waren diese Bemühungen von Erfolg gekrönt, denn ich fand die Familie Fränkel. Die hatte zwar nicht in Laubegast gelebt, doch Joseph Fränkel betrieb hier ein Weißwarengeschäft. Davon hatten sogar einige alte Leute berichtet, mit denen ein Netzwerkmitglied bei der Volkssolidarität gesprochen und davon berichtet hatte. Joseph Fränkel und seine Frau wurden Ende 1942 im “Judenlager Hellerberg” interniert, zur Zwangsarbeit für die Zeiss Ikon AG gezwungen, am 2. März nach Auschwitz deportiert und dort am 3. März ermordet. Für Joseph Fränkel würde es den ersten Stolperstein geben.

Mit der Zeit stellte sich heraus, dass es etliche Quellen gab, die ich miteinander abgleichen konnte: neben dem Buch der Erinnerung gab es das Bundesarchiv, das Stadtarchiv Dresden (in dem ich Stunden mit Mikrofilmen verbrachte), die Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem sowie mehrere Webseiten. Unter Anderem fand ich komplette Namenslisten der nach Auschwitz deportierten Juden. Grauenhaft!

Nach Wochen hatte ich dann noch drei weitere Schicksale gefunden: Marie Roy und Emil Hochberg, wie Joseph Fränkel in Auschwitz ermordet, und Irma Wolff, die nach Theresienstadt deportiert worden war und von der nicht ganz klar war, ob sie überlebt hatte. Somit also 4 Stolpersteine für Laubegast.

Das Gelände des ehemaligen Judenlagers Hellerberg an der Radeburger Straße heute

Das Gelände des ehemaligen Judenlagers Hellerberg an der Radeburger Straße heute

Parallel zu diesen Recherchen hatte ich natürlich viel über das Schicksal der Dresdner Juden erfahren, und da spielte das “Judenlager Hellerberg” (davon berichtete ich schon in diesem Blog) eine erhebliche Rolle. In welchem Zustand dieses Gelände heute ist, spottet jeder Beschreibung. Auch darum werden wir uns noch kümmern. Auch die unwürdige Rolle Dresdner Firmen erschütterte mich. Auch und vor allem, dass diese sich ihrer Geschichte in keiner Weise stellen. Beispielhaft seine hier die Zeiss Ikon Ag (siehe weiter unten), aber auch die Radeberger Brauerei genannt.

Jetzt kam der zweite Schritt, und der packte mich fast noch mehr als der erste: die Recherche nach Verwandten und Nachkommen der Opfer. Schließlich gehört es sich, diese zu informieren, Ihnen ggf. sogar das Recht einzuräumen, dieser Form der Erinnerung an ihre Familienmitglieder zu widersprechen. Sie vielleicht sogar nach Dresden einzuladen.

Direkte Nachkommen, also Kinder, gab es nur in einem Falle, bei Joseph (dem Weißwarenhändler) und Ida Fränkel. Der Sohn war, wie sie, in Auschwitz ermordet worden, die Tochter jedoch hatte überlebt. Und hier wurde die Recherche echt spannend und packte mich so richtig. Ich fand in der Datenbank von Yad Vashem mehrere sogenannte “Schicksalszeugnisse”. Das sind vorgefertigte Templates, in die Hinterbliebene das Schicksal von Opfern der Shoa eintragen können. Und ich fand die Zeugnisse für Joseph Fränkel, seine Frau Ida Steinhart und auch ihren Sohn. Da waren sogar Fotos, so dass diese Opfer für mich noch einmal näher kamen, denn sie bekamen ein Gesicht.
Diese drei Zeugnisse waren zwischen 1971 und 1985 von einer gewissen Harriet Saalheimer aus Montreal ausgefüllt worden. Ich konnte dann verifizieren, dass es sich hier tatsächlich um die Tochter Herta, geb. Steinhart, handelte. Ich fand sogar ein Foto von ihr. Ob sie noch lebt ist fraglich (sie wurde 1915 geboren), ob sie Kinder hatte, konnte ich nicht herausfinden.
Aber ich fand, als ich immer weiter grub, noch weitere Verwandte. Aus dem Buch der Erinnerung wusste ich, dass Ida Steinhart, die Frau des Weißwarenhändlers Joseph Fränkel, zwei Brüder und eine Schwester hatte. Das wären dann somit Schwägerin und die Schwager von Herrn Fränkel. Auch deren Schicksal fand ich heraus: die Schwester und deren Eltern (Onkel und Tante von Ida Steinhart) wurden in Auschwitz bzw. im Ghetto Riga ermordet. Die Schwester und einer der Brüder wurden, jeweils mit Ehepartnern und Kindern, ebenfalls ermordet. Der andere Bruder jedoch hatte drei Kinder. Er selbst, seine Frau und seine Tochter kamen um, den beiden Söhnen gelang jedoch die Emigration.
Auch von ihnen fand ich Spuren in Yad Vashem, auf dieselbe Weise wie von Harriet Saalheimer – sie hatten Schicksalszeugnisse für ihre Familienmitglieder erstellt. So erfuhr ich, dass einer von ihnen in Ottawa, der andere in New York lebte oder gelebt hatte. Und ich fand noch mehr heraus: der Neffe von Joseph Fränkel, der nach New York emigriert war, lebte anscheinend noch, im stolzen Alter von 99 Jahren! In den USA ist es viel leichter als bei uns, Adressen herauszufinden und Verwandtschaftsverhältnisse nachzuvollziehen. Ich fand eine vermeintliche Tochter oder Enkelin dieses Neffen des Weißwarenhändlers. gemeldet unter derselben Adresse wie er. Ich schrieb ihr einen Brief, bei dem es mir sehr schwer fiel, den richtigen Ton zu finden, und dann noch auf Englisch.

Auch in einem weiteren Fall fand ich interessante Dinge heraus: Emil Hochberg, für den auch ein Stolperstein vorgesehen ist, war mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet, die den Krieg überlebte. Ich recherchierte nach ihrem Mädchennamen “Wetzig” und stellte fest, dass Menschen diesen Namens in Genealogie sehr aktiv sind. Scheint viele davon zu geben, sogar eine Wetzig-Facebook-Gruppe fand ich. Die schrieb ich an, ebenso einen Herrn Wetzig in Norddeutschland, der in einem Forum von seinem Großvater aus Dresden zu berichten wusste. Da führte eine Spur nach Südamerika. Vielleicht sind da noch irgendwo Verwandte von “unserer” Martha Hochberg, geb. Wetzig dabei? Es bleibt spannend!

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Ironie der Geschichte: ausgerechnet an dem Haus Leubener Straße 2, in dem Joseph Fränkel sein Weißwarengeschäft betrieb, hängt heute ein Werbeschild der Firma Zeiss*.

An die Firma Zeiss Ikon haben wir auch geschrieben, denn deren Verantwortung (Ihnen gehörte das Gelände des “Judenlagers Hellerberg”, bei dieser Firma mussten die verbliebenen Dresdner Juden Zwangsarbeit leiten, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurden) ist nicht von der Hand zu weisen. Die Kosten für die Stolpersteine sollen per Spende zusammen kommen, aber eigentlich könnte sich auch die Zeiss Ikon AG (heute Ikon und Carl Zeiss Jena) mal ihrer Verantwortung stellen und was springen lassen. Und wer weiß, vielleicht möchte einer der Nachkommen nach Dresden kommen, um bei der Verlegung dabei zu sein? Dann könnte diese Firma ja vielleicht die Tickets und Hotelkosten übernehmen. Das wäre wenigstens etwas. Auf der Webseite der Firma Ikon heißt es:

"Unsere Markengeschichte ist ein Erbe, das verpflichtet und auf das
 wir stolz sind. Die Marke IKON steht seit Generationen hinweg für
 erstklassige Präzision und höchste Qualität."

Allerdings findet die Zeit zwischen 1933 und 1945 dort praktisch nicht statt. Dasselbe gilt für die Firma Carl Zeiss Jena, die sich ebenfalls auf ihre Geschichte als Zeiss Ikon AG beruft.

Nun jedenfalls, etliche unruhige Nächte später, ist die Sache erst einmal aus meiner Hand genommen. Ich warte auf Antwort aus den Staaten. Und von Ikon.

*Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass 
selbstverständlich der heute in diesen Räumlichkeiten eine 
Geschäft betreibende Optiker überhaupt nichts mit diesen Dingen
zu tun haben kann und hat. Auch die Tatsache, dass die Firma 
ZEISS (sehr gute) Brillengläser herstellt und natürlich eine 
prominente Rolle im Sortiment eines Augenoptikers spielt, 
ist purer Zufall. 
Tatsächlich bin ich selbst seit Jahren sehr zufriedener Kunde des 
Optikers und kann diesen nur wärmstens empfehlen.
Claus Dethleff

3 Gedanken zu “Im Sog der Stolpersteine

  1. Pingback: Stolpersteine (Update) | datendusche

  2. Durch Zufall las ich von den Stolpersteinen laubegast. Mein Name ist Ina Koestler,geb. 29.11.1943.Emil Hochberg war mein Onkel,den ich nie kennengelernt habe (ich besitze ein Foto). An seine Frau Martha, sie war meine Tante, kann ich mich noch erinnern, ich habe Fotos und eine wunderschöne grosse Tischdecke, die z.Zt. Auf meinem Tisch liegt. Meine Mutti ist eine geborene Wetzig, geb. 08.07.1910. Leider verstorben März 2005. Sie hätte sicher noch viel erzählen können.
    Mit bestem Gruss Ina Koestler.

  3. Pingback: Stolpersteine – die Verlegung | datendusche

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