Mädchen ohne Heimat

Am 21. November 2020 fand auf dem Neumarkt in Dresden eine Solidaritäts-Kundgebung für die Geflüchteten an den europäischen Grenzen statt. Ich hatte die Gelegenheit, dort eine Rede zu halten und erzählte von dem Mädchen, über das ich hier schon einmal berichtet habe – sie ist mit ihrer Familie übrigens immer noch in Kara Tepe auf Lesbos, ohne Hoffnung… hier mein Redebeitrag:

Europa, Du bist ein Arschloch!
Nicht immer und überall, aber am und auf dem Mittelmeer, in den Lagern, an den Grenzen, da hast Du alles, was ein Arschloch ausmacht: Du bist arrogant, zynisch, grausam und verlogen.

Ich möchte Euch von einem Mädchen erzählen – nennen wir sie Sara. Sara ist 15 Jahre alt, ich kenne sie seit mehr als vier Jahren. Ihre Nationalität ist Afghanisch, aber sie war noch nie in Afghanistan. Ihre Familie musste schon vor ihrer Geburt in den Iran fliehen, denn Saras Großvater war Mudschaheddin und hat gegen die Russen und später dann gegen die Islamisten, die sich heute Taliban nennen, gekämpft.

Sara hat keine Heimat.

Schöner wohnen auf dem Lidl-Parkplatz

Menschen aus Afghanistan sind im Iran fast immer Illegale – ohne Pass, ohne Arbeitserlaubnis, ohne Möglichkeit, die Kinder in die Schule zu schicken.
In Deutschland war Sara schon mal, daher kenne ich sie auch. 2016 kam sie mit ihren beiden Brüdern, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater nach Dresden, wohnte eine Weile im ehemaligen Hotel Prinz Eugen, einem Übergangswohnheim, in Laubegast und danach in einer Wohnung in Leuben. Sara und ihre Mutter lernten fleißig deutsch bei uns und wollten gern hierbleiben, aber ihr Stiefvater ließ sich vom BAMF überreden, freiwillig wieder auszureisen. Und so flogen sie vor ziemlich genau 4 Jahren nach Afghanistan und dann ging es sofort wieder zurück über die Grenze in den Iran. Die Eltern von Saras Stiefvater lebten und leben dort. Die Eltern ihrer Mutter, der Mudschaheddin und seine Frau, hingegen leben in Deutschland.
Und vor fast genau einem Jahr flohen sie in ihrer Verzweiflung erneut – und landeten in Moria auf Lesbos.
Da ich nie den Kontakt zu Sara verloren hatte und regelmäßig mit ihr videotelefoniere, erlebte ich live über WhatsApp mit, wie das Camp mitten in der Nacht abbrannte und was danach geschah – 10 Tage hungern auf einem Lidl-Parkplatz, Tränengas, Elend, Verzweiflung. Und dann, von der Polizei gewaltsam erzwungen, der Einzug in das neue Camp Kara Tepe, wo die Familie nun bei frostigen Temperaturen in einem Sommerzelt ohne Boden auf dem nackten Felsen schläft und friert, ohne Sanitäranlagen, mit je einem Dixiklo für 200 Menschen. Im Moment ist dort Corona-Quarantäne, sie dürfen das Camp nicht verlassen.

Wer behandelt Menschen so wie in diesem Camp – Frauen, Kinder und Männer, von denen niemand zum Spaß seine Heimat verlassen hat? Ein Friedensnobelpreisträger? Dass ich nicht lache. Das alles dient zur Abschreckung für andere, und wenn ich mit Sara und ihrer Mutter videophoniere, dann weiß ich oft gar nicht, was ich noch sagen soll. Ich bin nicht sicher, ob sie wissen oder ahnen, warum das alles geschieht. Sie sind verloren, ohne Ausweg, ohne Perspektive.

Es sei denn, es nimmt sie jemand auf. Am besten sofort. Warum eigentlich nicht wir?

„Inschallah“ – das sagen sie oft, und es bricht mir jedes Mal das Herz. Und macht mich wütend.

Ja, Europa – da, und an allen anderen Grenzen, bist Du echt ein ausgemachtes Arschloch!

Das Zelt nach dem Regen

 

 

 

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