Offener Brief an die Sächsische Zeitung

Betreff: Ihr Kommentar in der heutigen SZ zu Flatrates und Telekom

Sehr geehrter Herr Peter,
sehr geärgert hat mich Ihr Kommentar in der heutigen SZ*. Warum schreiben Sie einen Kommentar zu einem Thema, das Sie offensichtlich überhaupt nicht verstanden haben?
Es geht bei der aktuellen Diskussion nicht um Geld und auch nicht um die „Wir-wollen-alles-umsonst“-Community oder, wie Sie es mit unangebrachter Häme nennen, die „Flachdenker“. Möglicherweise steigen die Kosten für Netze durch immer größere Bandbreiten tatsächlich. Und natürlich können die Netzbetreiber sich diese steigenden Kosten vom Kunden wiederholen. Zum Beispiel durch Preiserhöhungen. Dies würde vielleicht auch zu Ärger bei den Kunden führen, aber hier geht es doch um etwas ganz anderes!
[*den kompletten Text des Kommentars finden Sie am Ende dieses Artikels]

Zum Einen geht es um die Einführung eines „Zwei-Klassen-Internets“. Vereinfacht gesagt: Leute ohne Geld surfen langsam, solche mit Geld surfen schnell. Das wäre schon schlimm genug. Der zweite Aspekt ist aber viel gravierenden und alarmierender. Hier geht es nämlich um die Netzneutralität. Das bedeutet, dass die Netzbetreiber neutral sein, also einen unkontrollierten Datenfluss ermöglichen müssen. Und hier, im Falle Telekom, ist dies eben nicht mehr der Fall. Die Telekom ist nämlich nicht nur Netzbetreiber, sondern auch Anbieter von Inhalten. Beispiel: Entertain Videoload. Dieser Dienst der Telekom wäre in den Flatrates weiterhin enthalten, gleiche Dienste von Konkurrenten wie iTunes oder Lovefilm jedoch nicht. Es sei denn, sie schließen einen Vertrag mit der Telekom und zahlen Geld. Das alles bedeutet dann, dass der Betreiber des Netzes beginnt, auch die Inhalte zu kontrollieren. Das ist die Vorstufe von Zensur und staatlicher (oder Konzern-) Kontrolle und sollte von der Politik (in den Niederlanden ist dies bereits der Fall) gesetzlich verboten werden. Hier geht es eben doch um die Freiheit.
Das haben Sie anscheinend nicht verstanden, ebenso wenig wie die Bedeutung des Netzes für die kommenden Generationen. Hier geht es eben nicht nur um eine Freizeitgesellschaft von Gratis-Konsumenten und Datensaugern, es geht um die digitale Welt, in der Streaming- Angebote (alle Clouddienste gehören zum Beispiel genauso wie TV-Streaming dazu) und neutraler Datenverkehr essentiell sind. Von solchen Dingen wie barrierefreien Angeboten (z.B. Sprachsteuerung), die ebenfalls Bandbreite benötigen, will ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.
Ihr abschließender Vergleich des Netzes mit der Tageszeitung und auch die Überheblichkeit, mit der Sie der Netzgemeinde begegnen, beweisen, dass Sie diese Problematik nicht verstanden haben.
Das müssen Sie auch nicht, aber dann sollten Sie auch keinen Kommentar dazu abgeben.

P.S.: Ich bin übrigens 55 Jahre alt und kein „Datensauger“, sondern nur gelegentlicher Nutzer von iTunes, Lovefilm oder Streamingangeboten – z.B. von Sportübertragungen – im Netz (all’ diese Dienste kosten übrigens Geld, das die „Flachdenker“ auch gern bezahlen) und zudem Telekom-Kunde. Mich würden die Preiserhöhungen wohl gar nicht treffen, es geht also NICHT um Geld, sondern um politische Weichenstellungen.

Für alle Interessierten (und vielleicht auch für Herrn Peter)
gibt es hier ein Video, das die Problematik wunderbar erklärt
(auf YouTube).

Hier noch der komplette Kommentartext aus der SZ:

Flache Raten für flache Denker

von Uwe Peter

Gehen Sie gern arbeiten, ohne sich dafür angemessen bezahlen zu lassen?
 Oder investieren Sie gern größere Summen in Objekte, die Sie dann anderen freundlicherweise unentgeltlich zur Verfügung stellen? Falls ja – die Gemeinde der Flatrate-Kunden im Internet wäre da eine gute Klientel. Die sind zwar nicht besonders dankbar, nehmen aber gern, was sie umsonst kriegen können. Dafür sind
 sie sich auch sicher, auf immer und ewig einen Anspruch darauf zu haben.
 Für Internet-Muffel sei nur erwähnt, dass die neudeutsche „Flatrate“ nichts anderes als eine Pauschalgebühr für die Telefon- oder Internetnutzung ist. Angeboten von den Betreibern, um möglichst viele Kunden zu locken. Nun hat sich der immer noch größte deutsche Anbieter, die Telekom, entschieden, zumindest bei 
Neuverträgen der bisherigen Unbegrenztheit ein Limit zu setzen. Wer mehr will, soll auch mehr bezahlen. Und da geht ein Aufschrei durch die Nutzergemeinde: Ei
ne Unverschämtheit, ja Geldschneiderei sei das und – noch schlimmer – ein Eingriff in die ganz persönlichen Freiheiten.
 Nämlich von jeder beliebigen Internetseite jeden beliebigen Inhalt in jeder beliebigen Größe herunterladen zu können. 
Als die Flatrates seinerzeit aufkamen, rechneten Anbieter und Nutzer zumeist noch in der Größenordnung Megabyte – ein Megabyte entspricht etwa der Daten
menge eines Fotos einer älteren Digitalkamera. Heute geht es längst um Giga- und Terabyte – wobei sich mit einem Terabyte eine Million der erwähnten Fotos
speichern ließe. Dass solche Datenmengen andere und viel teuerere Technik voraussetzen, versteht selbst ein Laie. Nur mancher Freund der flachen Rate wird da 
zum Flachdenker und will nicht verstehen, dass mehr Leistung üblicherweise eben auch mehr kostet.
Mal ganz altmodisch betrachtet: Wir bieten Ihnen täglich eine Zeitung zum fest vereinbarten Preis. Sie möchten von uns künftig gern gleiche Qualität, diese aber täglich im mindestens doppelten oder gar dreifachen Umfang. Zum gleichen, oder – noch besser – zum günstigeren Preis. Dann hätten wir ein echtes Problem. Und Sie in Kürze auch. Nämlich gar keine Zeitung mehr im Kasten.

Quelle: 
Sächsische Zeitung, Printausgabe vom 15. April 2013, 
Seite 1

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