Wie ich YouTube erfand

So ganz stimmt das natürlich nicht, so wortwörtlich. Nur fast. Andererseits – da, wo ich seit fast 25 Jahren lebe, geht das schon in Ordnung, da ist es üblich, so etwas einfach zu behaupten.
Aber der Reihe nach, bevor Konfusion entsteht: Neben der gewöhnungsbedürftigen Mundart und der aus meiner Sicht (eines Norddeutschen) ebenso ungewohnten Mentalität der Sachsen (man kann sich übrigens ziemlich gut an beides gewöhnen!) fiel mir damals eines besonders auf: der Drang des Sachsen, jedem und jeder, egal, ob es interessiert oder nicht, ständig zu erzählen, was die Sachsen alles erfunden haben. Aus ihrer Sicht praktisch alles: die Filtertüte (stimmt), den Büstenhalter (stimmt auch), den Fernseher (stimmt nur bedingt), den Computer (stimmt gar nicht). Oder vielleicht auch andersrum, ich hab’s vergessen. Kaum eine Ausgabe einer beliebigen Tageszeitung in Sachsen, die nicht genau dieses Thema aufgreift. Ein Schelm, wer dabei an Minderwertigkeits-Komplex-Kompensation denkt.
Das hat mich von Anfang an befremdet, komme ich selbst doch aus der Stadt, in der das Marzipan (stimmt), die Hanse-Kogge (stimmt auch), die Buddenbrooks (stimmt) und die soziale Marktwirtschaft (stimmt nicht so richtig, aber Willy Brandt war „unser“ Willy) erfunden wurden. Und dort erzählt einem das keiner andauernd, da ist das gar kein Thema.

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Der Mob

Nach einer großer Demonstration für die Rechte von Asylsuchenden durch Dresden am Samstag, den 28. Februar, beschlossen einige Flüchtlinge und deren Unterstützer, ein Protestcamp auf dem Theaterplatz vor der Semperoper einzurichten, um für ein weniger repressives Asylsystem und die Verbesserung der Situation von Flüchtlingen zu protestieren. Der Ort  und auch die Aktionsform sorgten an den beiden folgenden Tagen für viele Diskussionen, in den Medien und vor Allem auch vor Ort. Viele, teils wütende, Bürger kamen vorbei, doch oft gelang es, ihnen den Zweck der Aktion nahezubringen, was in vielen Fällen gar zu einem Umdenken führte. Sicher hätte eine deutlichere Kommunikation der Ziele diese Lage von vornherein entschärfen können, aber es war halt eine spontane Sache. Der Mobweiterlesen

Auf der Straße

RassismusIn den letzten drei Monaten war ich praktisch jeden Montag genau dort – auf der Straße.
Ich war nicht bei der von der CDU organisierten Kundgebung vor der Frauenkirche – die war am falschen Tag (Samstag) und organisiert von einer Partei, die in Sachsen Teil des Problems ist. Ich war auch nicht beim Grönemeyer-Konzert. Ich hatte keine Lust, mir lauter Bands, die mich nicht interessieren, anzuhören, und das auch noch gemeinsam mit Pegida-Anhängern. Das habe ich mir zu Hause im Live-Stream angeschaut. Mich über die Leute von Dresden Nazifrei und von NAMF und über den Sprecher von Dresden für Alle gefreut, die deutliche Worte fanden. Mich bei der Musik gelangweilt. Mich ein wenig geärgert über dieses „wir brauchen vor allem gut ausgebildete Ausländer, wir brauchen sie, die Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure“. Das hat immer so den Unterton „die anderen brauchen wir eigentlich nicht“, oder zumindest ist das ein Ausdruck unserer Leistungs- und Verwertungsgesellschaft. Sehr gefallen hat mir die Poetry Slammerin, die als Muslima wohl den stärksten Auftritt des Abends hinlegte. Aber, wie gesagt, ich war nicht da. Ich hatte einen Tag zuvor, am Sonntag, schon genug gefroren. Auf dem Schlossplatz, auf der Straße. Auf der Straßeweiterlesen

Das Rudel

rudelWer sagt, dass alles Elend auf der Welt seine Ursache in Dummheit, Skrupellosigkeit, Machtgeilheit und Religion in beliebigen Zusammenstellungen hat und hatte, der liegt damit ziemlich richtig. Man kann es aber vielleicht auch auf einen noch einfacheren Nenner bringen: das Rudel hat Schuld.
Ich bin kein Soziologe oder Anthropologe oder sonstiger -loge, aber wenn ich mich so umschaue in der Welt, dann scheint mir ein Überbleibsel aus grauer Vorzeit das menschliche Handeln entscheidend zu beeinflussen. Ist er, der Mensch, doch ein instinktgesteuertes Wesen, wie alle Säugetiere. Und deshalb oft auch seinem Instinkt ausgeliefert. Das Rudelweiterlesen

Rassisten in der Filter-Bubble

03Schon vor mehr als einem Jahr habe ich hier über die „Filter-Bubble“ geschrieben. Diesen Begriff prägte der Internet-Polit-Aktivist Eli Pariser 2012 in seinem Buch „Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden.“
Im Rahmen meiner Facebook-Seminare für Internet-Anfänger erzähle ich immer wieder davon – kaum jemand weiß, dass er sich in einer solchen Blase befindet, denn man merkt nichts davon.
Den Effekt kann man jedoch sehr leicht selbst überprüfen: einfach mal auf zwei Rechnern, die von verschiedenen Personen benutzt werden, bei Google denselben Suchbegriff eingeben. Es werden zwei komplett unterschiedliche Suchergebnis- Seiten dabei herauskommen.
Oft schon kam mir, wenn ich davon sprach, die Frage nach den Folgen für eine immer mehr im Internet vernetzte Gesellschaft in den Sinn. Jetzt kann man das in aller Deutlichkeit beobachten. Im realen Leben, auf der Straße. Jeden Montag in Dresden. Rassisten in der Filter-Bubbleweiterlesen

PEGIDA non grata

Bildschirmfoto 2014-12-16 um 09.26.53Eigentlich bin ich bekannt für meine Gelassenheit, dafür, dass ich stets versuche, Menschen mit Respekt, Verständnis und Toleranz zu begegnen. Ich habe sehr lange mit mir gerungen, ob ich etwas zum Thema PEGIDA schreiben soll. Habe darüber nachgedacht, ob man mit diesen verwirrten Menschen reden kann und muss. Ob man sie tatsächlich irgendwie ernst nehmen sollte. Bis gestern Abend. Da zog das, was als PEGIDA jeden Montag in Dresden auf der Straße ist, direkt an mir vorbei, und das machte mich fassungslos und wütend. Noch nicht einmal die Tatsache, dass ich am Rande von einem Teilnehmer tätlich angegriffen wurde, weil ich ihn einen Rassisten nannte*, trug dazu bei… der war einfach verwirrt und vielleicht, das bleibt zu hoffen, war das auch eine Art Ausbruch von Wut auf sich selbst und/oder Angst vor irgendwas und Zweifel, oder er fühlte sich auch einfach nur beleidigt von mir… wie gesagt, egal, das spielt keine Rolle, schon vergessen. PEGIDA non grataweiterlesen

Pokernacht im Amtsgericht

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Foto: Zdenko Zivkovic

Ich möchte eine Geschichte erzählen, die sich genau so zugetragen hat. Sie beginnt am 3. Oktober 2013 und endet am 13. Mai 2014 im Amtsgericht Berlin Tiergarten. Mit einer Runde Poker.

Berlin Hellersdorf, 3. Oktober 2013. Die NPD hat eine ihrer „Gute Heimreise“-Aktionen am umstrittenen Flüchtlingsheim angemeldet, und es gibt eine Gegendemonstration. Zu dieser sind zwei junge Leute unterwegs. Sie wollen Flagge zeigen gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und gegen die menschenverachtende Ideologie der Rechtsextremen. Im wahrsten Sinne des Wortes Flagge zeigen, denn sie haben sich, sind sie doch keine Transpi-Fans, zwei kleine Fahnen (Signalflaggen-Größe) gebastelt. Aus einem schwarzen Jutebeutel. Kurze Stange also, ein Stück schwarzer Stoff als Fahne, und übrig blieben beim Basteln die Tragegriffe des Jutebeutels. Da schien es eine gute Idee zu sein, diese jeweils als Schlaufe an den Enden der Fahnengriffe zu befestigen, um die Fahnen so vielleicht bei einer möglicherweise etwas länger dauernden Demo bequemer tragen zu können. Pokernacht im Amtsgerichtweiterlesen

Rechtsstaat – Teil 2

Der zweite Teil meiner umfangreichen Aufzeichnungen zum Thema Rechtsstaat ist online – diesmal geht es um meine persönlichen Begegnungen und Erfahrungen mit der Justiz und dem Rechtssystem und um das Thema Dresden und der 13. Februar.
Über das Hauptmenü (Menüpunkt „RECHTSSTAAT“) können alle Teile immer direkt angewählt werden, hier die direkten Links zum Teil 1 und zum neu online gestellten Teil 2.

Die Kaffee-Verschwörung…

… oder: die Macht der Verbraucher

© trophygeek
© trophygeek

Erinnert sich noch jemand 1984? Nicht als Buchtitel des Romans von George Orwell, nein, an das wirkliche, echte Jahr? Manchem mag es so vorkommen, als sei das Jahrhunderte her, tatsächlich sind es aber nur 30 Jahre. Es war das Jahr, in dem Apple den MacIntosh vorstellte, Indira Gandhi ermordet und die bundesdeutsche Volkszählung gerichtlich (vorerst) gestoppt wurde. Aber es war auch das Jahr, in dem die Verbraucher dem Handel ihre Macht demonstrierten. Die Kaffee-Verschwörung…weiterlesen

Rechtsstaat – oder nicht?

coverÜber die Ereignisse rund um den 19. Februar 2011 habe ich ja in diesem Blog schon mehrfach berichtet. Was ich an jenem Tag erlebt habe und vor Allem, was im Nachgang so alles geschah, hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Weil irgendwie auch mein Weltbild ins Wanken geriet, beschloss ich Ende 2011, meine Gedanken dazu aufzuschreiben, zu erzählen, was geschehen ist und auch alles, was in diesem Zusammenhang danach geschah, zu dokumentieren.
Nun werde ich beginnen, diese Aufzeichnungen, die noch nicht abgeschlossen sind, nach und nach auf diesem Blog zu veröffentlichen.

Heute gibt’s den ersten Teil. Ich werde nach und nach alle weiteren Teile veröffentlichen. Im Blogteil gibt es dann immer eine kurze Beschreibung, bis der nächste Teil veröffentlicht wird. Die Texte selbst befinden sich auf der Seite „RECHTSSTAAT“, auf der dann nach und nach der gesamte Text zu lesen sein wird. Diese Seite ist natürlich auch über das Menü oben zu erreichen.
So, und nun viel Spaß bei Lesen des 1. Teils!