PEGIDA non grata

Bildschirmfoto 2014-12-16 um 09.26.53Eigentlich bin ich bekannt für meine Gelassenheit, dafür, dass ich stets versuche, Menschen mit Respekt, Verständnis und Toleranz zu begegnen. Ich habe sehr lange mit mir gerungen, ob ich etwas zum Thema PEGIDA schreiben soll. Habe darüber nachgedacht, ob man mit diesen verwirrten Menschen reden kann und muss. Ob man sie tatsächlich irgendwie ernst nehmen sollte. Bis gestern Abend. Da zog das, was als PEGIDA jeden Montag in Dresden auf der Straße ist, direkt an mir vorbei, und das machte mich fassungslos und wütend. Noch nicht einmal die Tatsache, dass ich am Rande von einem Teilnehmer tätlich angegriffen wurde, weil ich ihn einen Rassisten nannte*, trug dazu bei… der war einfach verwirrt und vielleicht, das bleibt zu hoffen, war das auch eine Art Ausbruch von Wut auf sich selbst und/oder Angst vor irgendwas und Zweifel, oder er fühlte sich auch einfach nur beleidigt von mir… wie gesagt, egal, das spielt keine Rolle, schon vergessen.

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Treffpunkt Lingnerpark. In der Mitte zu sehen: rot-schwarz-rote Burschenschafts-Fahnen.

Was mich wütend und fassungslos macht: da laufen 15000 Menschen als ganz klar fremdenfeindliche und rassistische Großdemonstration durch meine Stadt. Da wird (das Schweigegebot scheint zu bröckeln) nicht nur „Wir sind das Volk!“ (zum Glück sind sie das nicht) skandiert, sondern auch „Lügenpresse halt die Fresse!“ und auch „Frei, sozial und national!“. Da zieht eine schier unglaubliche Menge von Hass an einem vorbei. Massenhaft Nazis, Schlägertypen, Hooligans, und auch Massen von Bürgern, die irgendwie wütend und hasserfüllt sind. Und alle rennen einem hinterher, der offen aggressiv-völkische Nazi-Terminologie gebraucht. Da frage ich mich: was für ein kleines, beschissenes, leeres Leben muss man haben, um so von Hass und Angst erfüllt zu sein? Haben fast 30 Jahre Blödenfernsehen tatsächlich so viel Schaden angerichtet? Ist es denen wirklich egal oder nicht bewusst, mit wem sie da marschieren? Oder machen die das doch absichtlich? In jedem Falle ist es beängstigend, und man hat schon den Brandgeruch aus den frühen 90er Jahren in der Nase…

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Dass die Angst vor und die Ablehnung von Fremdem und der „Volksgedanke“ irgendwie in der menschlichen Natur liegt, trägt natürlich seinen Teil dazu bei, auch, dass die heutige Welt und die weltpolitische Lage einem manchmal Angst machen und einen überfordern kann.

Aber was da auf die Straße geht und mit keinem reden will, um sich gleichzeitig zu beschweren, dass keiner mit einem reden will, was da mit fremdenfeindlichen und rassistischen Parolen um sich wirft, das ist ein Mob, eine Masse von Menschen, denen Demokratie zu anstrengend ist, die gern ein Feindbild und einfache Antworten haben wollen. Jeder, der dort mitläuft, sollte sich das genau überlegen, denn er muss sich von mir Rassist nennen lassen. Ich überlege mir ja auch genau, wenn ich jeden Montag bei den Gegendemonstranten von „Dresden Nazifrei“ oder gar bei den Demonstranten der „Undogmatischen Radikalen Antifa“ (URA) mitlaufe. Ich wechsele dann ab und zu die Perspektive und war in den letzten Wochen auch immer mal bei PEGIDA, um die Menschen zu sehen und die „Reden“ zu hören. Größer könnte der Kontrast kaum sein: auf der einen Seite fröhliche, weltoffene, bunte Menschen (obwohl auch da natürlich immer mal wieder ein paar überambitionierte Idioten dabei sind), auf der anderen Seite der hasserfüllte Mob. Der die andere Seite als „Linksfaschisten“ beschimpft. Von dem ich mich in letzter Zeit schon oft auch persönlich habe beschimpfen lassen müssen, weil ich mich für Flüchtlinge einsetze. Überhaupt ist das eine eigenartige Form von Kommunikation von Seiten dieser hass- und angsterfüllten Bürger. Die pöbeln und schimpfen immer und beschweren sich dann, dass ich keine Lust habe auf eine Kommunikation auf so einem Niveau.

Was mich gestern auch noch geärgert hat: Herr Patzelt, der Politikwissenschaftler von der TU Dresden in den Tagesthemen in der ARD. Sagt der doch tatsächlich wörtlich: „Das sind normale Bürger. […], das ist nicht eine Minderheitengruppe von Radikalen, das sind wirklich Leute, die mit Fug und Recht sagen sie seien das Volk, und sie würden gerne von der Politik zu einem zentralen Problem der deutschen Innenpolitik gehört werden, nämlich zur Einwanderungspolitik in einer Einwanderungsgesellschaft, die keine klare Vorstellung davon hat, wie sie denn integrierend wirken will. Und die Bürger meinen, so scheint es mir, dass es eine ungute Situation ist, wenn Beteiligung sich allein im Aufrichten von Willkommenskultur erschöpfen soll.“ Mit Verlaub: Was für ein Schwachsinn, Herr Professor! Sie hätten mal gestern Abend neben mir stehen sollen. Vielleicht meinen Sie ja tatsächlich, dass die Politik sich mal etwas mehr um eine Ablehnungs- und Rassismus-Kultur bemühen sollte? Übrigens: mit unserem ständig verschärften Asylrecht haben wir schon so etwas wie eine Ablehnungskultur, Herr Patzelt.

Natürlich kann und sollte man über Einwanderungspolitik reden, natürlich sollte man mit den Bürgern wichtige Frage kommunizieren und ihnen nicht das Gefühl geben, nicht gehört, nicht ernst genommen zu werden. Demokratie ist eben auch immer wieder mühsam und anstrengend. Aber meine Beobachtungen gestern Abend, diese Aussage von Herrn Patzelt und die Forderung einiger Politiker, mit den PEGIDA-Leuten ins Gespräch zu kommen, bringen mich zu meinem Schlusssatz:

Mit Rassisten, und also auch mit den Leuten von PEGIDA, gibt es nichts zu besprechen.

Diesen Song-Text schrieb ich schon im November, als ich den PEGIDA- 
Aufmarsch erstmals am Postplatz sah, da waren es noch ein paar Hundert. 
Am Anfang des Videos hört man die Gegendemonstranten von der anderen 
Straßenseite rufen "Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda". Wie wahr.

* die dazugehörige Konversation am Rande des Geschehens möchte ich den Lesern nicht vorenthalten. Ich habe sie aus dem Video transskribiert. Ich stand in der Nähe des Hygienemuseums am Straßenrand, PEGIDA zog an mir vorbei, rechts neben mir stand ein Kamerateam der ARD (Grund für die Sprechchöre der Menge), links neben mir eine junge Frau, ebenfalls mit Fahrrad, die ebenso fassungslos war wie ich. Zwischen Kamerateam und mir lief ein alter Mann herum. Dann beginnt die Konversation:

Der Mob: „Lügenpresse, Lügenpresse….!!!!“

Der Mob: „Schämt Euch was, Volksverräter!“

Er (an mich gewandt): Wo kommen Sie her? Aus der Lausitz, oder was?

Ich: Nee, wie kommen Sie darauf?

Er: Es gibt ja welche, die wohnen nicht mehr in ´nem Dorf, sondern bloß in ´nem Haus, ne? Und die wissen… die schalten den Fernseher aus und sagen „Ist wunderschön…“

Ich: Ja…

Er: So hab ich jetzt gedacht…

Ich: Ach so…

Er: Das macht nüscht…

Ich: Ja, manchmal denkt man zuviel… oder zu wenig…

Er: Sie sind auch keen Dresdner, oder?

Ich: Ich bin kein Dresdner, nee…**

Er: Nee, das merkt man ja glei.

Ich: Das merkt man sofort, ja, ja… Sie sind Dresdner, das merkt man SOFORT…

Er: Ham se das?

Ich: Ja

Der Mob: „LÜGENPRESSE“

Ich: „RASSISTENPACK“

Er: Komisch, sind alles Nazis hier…

Ich: Das sind keine Nazis, aber das sind Rassisten.

Er: Aber wissen Sie was (schlägt mir auf den Kopf)

Ich: Ey, hör’n Sie mal auf! Ist gut, bleiben Sie mal ganz ruhig…

Er: Ich bin kein…

Ich: Hab’ ich doch gar nicht gesagt!

Er: Ja, Sie haben gesagt „sind alles Rassisten“

(Die junge Frau mischt sich ein: Gehen Sie doch da mit! Er: Ich bin doch dabei…!)

Ich: Wer da mitgeht, ist ein Rassist.

(Er, zu der jungen Frau: Sie sind doch gar nicht gefragt)

Ich: Bleiben Sie mal ganz ruhig…

(Er geht weg)

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** dazu ist zu sagen, dass ich zwar nicht ursprünglich aus Dresden stamme und immer wieder auffalle, weil ich weitgehend Hochdeutsch spreche, aber seit mehr als 20 Jahren hier lebe und natürlich Dresdner bin

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