Rassisten in der Filter-Bubble

Schon vor mehr als einem Jahr habe ich hier über die „Filter-Bubble“ geschrieben. Diesen Begriff prägte der Internet-Polit-Aktivist Eli Pariser 2012 in seinem Buch „Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden.“
Im Rahmen meiner Facebook-Seminare für Internet-Anfänger erzähle ich immer wieder davon – kaum jemand weiß, dass er sich in einer solchen Blase befindet, denn man merkt nichts davon.
Den Effekt kann man jedoch sehr leicht selbst überprüfen: einfach mal auf zwei Rechnern, die von verschiedenen Personen benutzt werden, bei Google denselben Suchbegriff eingeben. Es werden zwei komplett unterschiedliche Suchergebnis- Seiten dabei herauskommen.
Oft schon kam mir, wenn ich davon sprach, die Frage nach den Folgen für eine immer mehr im Internet vernetzte Gesellschaft in den Sinn. Jetzt kann man das in aller Deutlichkeit beobachten. Im realen Leben, auf der Straße. Jeden Montag in Dresden.

Noch mal kurz zur Erläuterung: aufgrund der unerschöpflichen Informationsmenge im Netz wird überall gefiltert, und zwar von Algorithmen. Diese speichern permanent, was ein Nutzer im Internet macht und filtert dann alles, was (nach Meinung des Algorithmus) für diesen Nutzer nicht relevant ist, heraus. Das bedeutet, dass ich mich schon nach kurzer Zeit in einer eigenen Informationsblase befinde. Diese filtert immer stärker, weil ich nur noch das angezeigt bekomme und finde, was mich vermeintlich interessiert.
Das ist das dann Ende der Neugier, der Innovation, eigentlich auch der Information. Der unabhängigen sowieso. Die Sozialen Netzwerke, allen voran natürlich Facebook, machen das, aber auch Google, YouTube, Nachrichtenseiten, Amazon natürlich und all‘ die anderen.
Das kann durchaus nützlich sein, bei Amazon zum Beispiel. Aber auch fatal, wenn mir bei Facebook nur noch die Beiträge von Leuten angezeigt werden, die der Algorithmus für relevant hält. Was in der Regel diejenigen sind, mit denen ich am meisten interagiere, also z.B. „gefällt mir“ klicke. Alles Andere verschwindet nach und nach.
Man kann aus dieser Blase nur aktiv ausbrechen. Indem man mehr als nur eine Suchmaschine benutzt, durch gelegentliches absichtliches Suchen nach Dingen, die einen nicht interessieren oder durch bewusste Kommunikation in Sozialen Netzwerken, die sich der Filterung bewusst ist.

Diese seltsame Bewegung, die sich PEGIDA nennt und bei der jeden Montag viele Tausend Menschen auf Dresdens Straßen „spazieren gehen“, die eine Angst vor Fremdem und ein latenter Rassismus eint, erreicht ihre Anhänger zu einem großen Teil über das Internet. Das erklärt dann auch die Faktenresistenz dieser Leute. Die leben alle in derselben Filterblase. Die lesen nicht die „Lügenpresse“, die lesen nur ÜBER die „Lügenpresse“.
Jutta Ditfurth hat das kürzlich in einem Interview mit Gert Scobel gut auf den Punkt gebracht: „Diese Menschen leben in einer komplett in sich geschlossenen Welt“. In dieser Blase wuchern sie, die Verschwörungstheorien, da werden die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, Russia Today,  KenFM und die Propaganda des Kopp-Verlags als Quellen genannt und genutzt, Falschinformationen potenzieren sich, alles andere wird als „Lügenpresse“ diffamiert. Und alle, mit denen man kommuniziert, haben dasselbe eingeengte Weltbild, man bestärkt sich gegenseitig, bestätigt sich in seinen Vorurteilen und in seiner einseitigen Weltsicht. Um genau das dann allen anderen vorzuwerfen.

Immer wieder kommt in meinen Seminaren die Frage auf: „Was ist denn, wenn die Informationen, die ich im Internet finde, falsch sind?“ Meine Gegenfrage lautet stets: „Was ist, wenn Ihnen einer was erzählt, was nicht wahr ist? Dann fragen Sie noch einen anderen. Und noch einen und noch einen. Und wenn Sie wissen wollen, was geschehen ist, dann lesen Sie nicht nur eine Zeitung, nicht nur den Spiegel, sondern Sie schauen auch noch, was die FAZ, die taz, die Welt, der Focus und die Zeit und am Besten auch die BILD schreiben, und dann haben Sie eine Ahnung von der Wahrheit. Nicht jedoch, wenn Sie immer nur RTL2 gucken und BILD lesen.“

Doch so etwas überfordert diese Menschen, die nach einfachen Antworten suchen. Es ist, wie die Demokratie, mühsam. In der Blase lebt es sich bequemer. Die unendliche, bunte Internetwelt gaukelt ihnen vor, dass man dort alle Informationen bekommt und nicht nur solche, die automatisch für meinen Geschmack aufbereitet werden. Gleichzeitig macht es natürlich viel Freude, wenn man auf so erstaunlich viele Gleichgesinnte trifft. Da kann man schon mal auf den Gedanken kommen, man sei „das Volk“. Die Filter-Blase macht also sogar Spass. Und sie funktioniert am Besten, wenn man von ihr nichts bemerkt. Weil man nichts von ihr merkt. Oder merken will.

Und so kochen sie im eigenen Saft, pumpen sich selbst und gegenseitig auf mit Angst, Hass und Rassismus, und dann nix wie raus auf die Straße, auf die „Lügenpresse“ schimpfen.

Ein Gedanke zu „Rassisten in der Filter-Bubble

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