Samira

Samira und ihr kleiner Bruder in Moria

Samira heißt eigentlich anders, aber der Name ist hier nicht wichtig. Samira geht es schlecht. Sie ist in Moria.

Als ich Samira kennenlernte, hier in Dresden, war sie 11 Jahre alt. Es war Sommer 2016. Samira zog mit ihren beiden Brüdern (einer etwas älter als sie, der andere 2 oder 3 Jahre alt) und ihren Eltern in das Übergangswohnheim in Laubegast. Dort traf ich sie. Sie kam dann, meist mit ihrer Mutter und manchmal auch mit Mutter und Vater, zu unseren Deutschkursen. Sie war ein offenes und fröhliches Mädchen, man konnte sich mit ihr auf deutsch verständigen, das hatte sie sich selbst per App beigebracht.
Ihre Mutter war eine intelligente junge Frau, die sehr fleissig deutsch lernte. Man merkte ihr an, dass die die Chance sah, die sie in Deutschland haben könnte.

Der erste Mann von Samiras Mutter war gestorben, sie war in zweiter Ehe verheiratet. Sie hatte also nur ein gemeinsames Kind mit ihrem Ehemann, die anderen beiden (Samira und ihr älterer Bruder) stammten aus ihrer ersten Ehe. Ihre Eltern der Mutter waren ebenfalls in Dresden und wohnten in einer Sozialamtswohnung.
Die ganze Familie stammte aus Afghanistan, hatte jedoch im Iran gelebt, wie so viele Afghanen, die nicht in ihrer Heimat bleiben können. Dort, im Iran, befand sich auch noch die Familie des Ehemannes.
Zwischen mir und auch anderen Ehrenamtlichen aus unserem Netzwerk  entwickelte sich ein herzliches Verhältnis zu Samira und ihrer Mutter. Sie waren immer beim Deutschkurs und auch bei unserem Begegnungscafé, wir alle mochten sie sehr gerne.
Auch Samiras Großeltern lernte ich kennen – wir bereiteten uns gemeinsam auf das Interview beim BAMF vor. Der Großvater, kaum jünger als ich, hatte viel erlebt – er hatte als Mudschahedin gegen die Russen gekämpft. Er war herzkrank und bekam mit seiner Frau einen Aufenthaltstitel. Die beiden leben jetzt in Bremen, bei ihrem Sohn, dem Onkel von Samira.

Samira im Oktober 2016 beim Begegnungscafé in der Kirchgemeinde

Eigentlich ging alles seinen Gang, wie wir es oft erleben mit geflüchteten Familien: sie lernten immer besser, sich bei uns zurechtzufinden, lernten die Sprache, es entstanden Freundschaften mit Deutschen, die Aussichten für eine Integration waren gut. Selbst die permanenten Anfeindungen wegen des Kopftuches nahm Samiras Mutter einigermaßen gelassen hin. Samira ging in die Schule und fühlte sich dort sehr wohl.
Auffällig war lediglich, dass ihr Vater sich nicht oft bei uns zeigte. Aber auch das ist nicht so ungewöhnlich – wir haben schon oft erlebt, dass die Frauen, gerade die aus Afghanistan, schnell ihre Chance sehen und sehr froh sind, endlich die gleichen Rechte und Chancen zu haben wie die Männer. Auch solche streng gläubigen wie die Mutter von Samira. Manche Männer brauchen etwas länger, um sich mit gerade dieser Situation anzufreunden. Die meisten schaffen aber auch das.

Als die Familie endlich aus dem Übergangswohnheim ausziehen konnte und  eine Sozialamtswohnung zugewiesen bekam, entschloss ich mich, erstmals eine Patenschaft und damit Verantwortung für eine Familie zu übernehmen (im Moment habe ich zwei Patenschaften – zu einer afghanischen und zu einer eritreischen Familie). Ich half beim „Umzug“ nach Leuben und war dabei, als wir alle erstmals die Wohnung dort betraten. Das war ein Schlüsselmoment, wie mir später klar wurde.
Es handelte sich um eine recht geräumige Dreiraumwohnung in einem der Hochhäuser an der Rottwerndorfer Straße. Die Einrichtung dieser Wohnungen ist eigentlich immer gleich – in diesem Falle fünf Betten, ein paar Schränke, Stühle, Tische, dazu eine Küche mit Waschmaschine. Nichts Besonderes, und diese Wohnung sah etwas zugestellt aus, denn es hatten offensichtlich mehrere Männer dort gewohnt, keine Familie. Es sah also nicht sehr einladend aus, und ich bemerkte, wie dem Stiefvater von Samira buchstäblich die Kinnlade herunterfiel, als er das alles sah. Schon kurze Zeit später sah die Wohnung übrigens sehr wohnlich aus, aber eben nicht in diesem Moment.

Einige Zeit später, das muss Ende 2016 gewesen sein, erzählte mir Samira erstmals, dass ihr Vater überlege, freiwillig in die Heimat zurückzukehren. Es stellte sich heraus, dass er (was ich, nebenbei, erst äußerst selten erlebt habe) tatsächlich mit vollkommen falschen Vorstellungen nach Deutschland gekommen war. Er dachte, er bekäme hier Geld, einen Job, ein Haus und ein Auto. Und dann musste er stattdessen einmal im Monat zum Sozialamt gehen und sich Bargeld abholen, von dem man sich nichts leisten, sondern „nur“ leben konnte, außerdem musste er zum Deutschkurs gehen und diese wirklich schwere Sprache lernen, zudem kein Job und kein Auto, kein Haus, sondern diese Wohnung. So sah er das. Und seine Familie war im Iran. Da kam alles zusammen. Und dann macht das BAMF einem auch noch die Rückkehr schmackhaft, bei der man Geld bekommt und kostenlose Flugtickets.
Für Samira und ihre Mutter brach eine Welt zusammen. Samira war verzweifelt, sie wusste, was ihr blühen würde im Iran. Und ihre Mutter stand vor einer unfassbar schweren Entscheidung. Ich baute ihr eine Brücke und ließ sie wissen, dass ich ihr jede erdenkliche Hilfe zukommen lassen  würde, wenn sie allein mit ihren Kindern hier bleiben wolle. Notfalls auch gegen den Willen des Mannes. Aber sie hatte Angst, dass der ihren gemeinsamen Sohn mitnehmen würde. Ich sagte ihr, dass auch das sich verhindern ließe, aber sie musste sich entscheiden: Freiheit und Glück oder Familie. Sie entschied sich für die Familie, und somit nahm das Schicksal seinen Lauf.

Ich erinnere mich an einen tränenreichen Abschied beim Begegnungscafé und eine sehr bedrückende Abschiedsfeier in der Wohnung der Familie, Anfang Februar 2017. Zwei Tage später waren sie wieder im Iran.

Samira im Iran

Wir hielten (bis heute) Kontakt per Whatsapp, und so bekam ich auch mit, wie es ihnen erging. Samiras Mutter wurde schon kurz nach der Ankunft im Iran erstmal prophylaktisch von ihrem Schwiegervater verprügelt, Samira selbst ging nicht mehr in die Schule (das ist kaum möglich für afghanische Mädchen im Iran, denn es ist sehr teuer). Samira und ihre Mutter flüchteten sogar von der Familie und waren mehrere Tage verschwunden, wie mir ihr älterer Bruder berichtete. Sie kamen jedoch zurück, es gab keinen Ausweg.
Die Lage schien sich dann etwas zu stabilisieren, Samira schickte mir Fotos, auf denen sie einigermaßen fröhlich wirkte, wir telefonierten auch per Video. Nur ihre Mutter war nicht glücklich. Und auch Samiras älterer Bruder nicht. Irgendwann 2018 rief er mich mal an und fragte, ob es eine Chance gäbe, wieder nach Deutschland zu kommen. Gab es leider nicht.

Nun springen wir ins Jahr 2020.
Eine etwas längere Zeit hatten wir nicht gechattet, im Iran gab es Unruhen, und ich machte mir Sorgen, also fragte ich mal nach, wie es Samira und ihrer Familie ging. Als Antwort bekam ich eine Live-Standort-Meldung von Google geschickt, Samira schrieb dazu: „Hallo Claus, ich bin hier.“

Ich brauchte einen Moment, bis ich herausgefunden hatte, wo „hier“ ist: Camp Moria, Lesbos.

Seit Dezember schon waren und sind sie dort. Sie schickte Fotos. Sie wohnen in einer Hütte aus Plastikplanen „im Wald“, wie sie schrieb. Es sei kalt und nass, sie seien hungrig und alle krank. Es gebe viel Gewalt. Später musste ihre Mutter wegen Herzproblemen in ärztliche Behandlung. Wie es ihnen jetzt geht, weiß ich leider nicht.

Warum sie erneut geflohen sind? Dazu muss man wissen, wie es Afghanen im Iran geht. Sie sind dort Illegale, haben keine Rechte, werden drangsaliert,  von der Polizei schikaniert, vom Staat verfolgt. Der Vater von Samira hatte seinen Job verloren, es gab keine Hoffnung mehr, kein Bleiben im Iran, kein Zurück nach Afghanistan. Nur Verzweiflung und Flucht. Nur wohin? Nach Europa, nach Deutschland, zur Familie natürlich- der einzige Ausweg.

Und dann: Griechenland, Lesbos.

Wir wissen alle, wie es in Moria aussieht. Es wird täglich schlimmer. Seit ungefähr einer Woche habe ich keinen Kontakt mehr zu Samira und mache mir große Sorgen.

Wir müssen alle diese erbarmungswürdigen Menschen dort herausholen, nicht nur Samira und  ihre Familie! Wir haben Platz!
Und wenn Samira wieder hierher kommen würde, es gäbe für sie und auch für viele andere eine Menge Menschen, die sich kümmern würden.

Evakuierung der Lager sofort!

 

 

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