Schambehaarung, David Cameron und Russlands Homophobie

Manchmal mache ich mir dann doch Sorgen um die nächste und die übernächste Generation. Was macht nur der verdammte Mainstream mit den Menschen? Alles wird über kurz oder lang von dieser modernen Form des Herdentriebs eingeholt … Dubstep hört man jetzt schon in der Werbung, und sogar in der Sportschau!
Durch die Sozialen Netzwerke und vor allem das Internet hat der Mainstream nun eine völlig neue Dimension erreicht. Selbst Bereiche, die früher komplett tabu und weit davon entfernt waren, dem Mainstream auch nur nahe zu kommen, sind heute nicht mehr davon ausgenommen. Magersucht ist Mainstream bei jungen Mädchen, ja sogar Porno macht Mainstream! Schon bei 14jährigen! Und genau daraus hat sich etwas entwickelt, das mich befremdet und mir Sorgen macht: der Hass auf Schamhaare.

yKörperbehaarung an sich ist ja schon immer ein Thema gewesen… kann man sexy finden oder auch eklig. Achselbehaarung kann man abrasieren, aus Geruchs- oder aus Ästhetikgründen. Wohlgemerkt nicht aus hygienischen Gründen, denn da hilft Wasser und Seife mit Sicherheit besser als eine Rasur. Das alles ist nicht neu, Geschmackssache und auch nicht weiter schlimm.
Aber der Hass auf bzw. Ekel vor Schambehaarung im Genitalbereich, der ist schon seltsam. Wo kommt das her? Warum wollen junge Frauen plötzlich unbedingt so aussehen wie kleine Mädchen?
So, wie die Modelindustrie und Photoshop für Essstörungen und Minderwertigkeitskomplexe bei jungen Mädchen sorgen, tut die Pornoindustrie das Ihre dazu, auch in diesem Bereich für angeblichen Handlungsbedarf bzw. eine Art „Schönheitsideal“ zu sorgen. Du meine Güte, wenn ich mir vorstelle, was sich da an verqueren Vorstellungen festsetzt, wenn die Kids glauben, Porno und Sex seien dasselbe, man/frau müsse so aussehen und sich so benehmen wie in diesen Filmen, die ja für alle im Netz leicht zugänglich sind. Und die Komplettrasur scheint in großen Teilen tatsächlich mittlerweile en vogue zu sein – ausgelöst von den auf Männerphantasien basierenden Pornos! Das sieht bei Mädels dann nicht nur seltsam aus, das hat für meine Begriffe auch eindeutig einen pädophilen „Beigeschmack“. Und dass ein rasiertes männliches Geschlechtsteil komplett lächerlich aussieht, ist wohl keine Frage.
Kürzlich las ich einen medizinischen Artikel über die Risiken der verschiedenen Enthaarungsmethoden – das reichte von hartnäckigen Pickeln bis hin zum künstlichen Darmausgang.

Da fallen mir dann auch gleich zwei Dinge ein, die auf den ersten Blick scheinbar gar nichts damit zu tun haben, in Wirklichkeit aber durchaus Berührungspunkte mit dieser Problematik aufweisen: erstens der britische Premier David Cameron und seine Forderung nach Pornosperren im Internet, zweitens die Homosexuellen-Feindlichkeit in Russland.

OK, das muss erklärt werden.

Also zuerst zu Herrn Cameron: Das Problem, dass heute jedes Kind und erst recht jeder Jugendliche praktisch alles im Internet finden und anschauen kann, ist natürlich nicht von der Hand zu weisen. Nur, wie kann man das verhindern? Da wird schnell der Ruf nach „Sperren“ im Internet laut – vor allem von denen, die sich hier im „Neuland“ bewegen. Erinnert sich noch jemand an ZensUrsula? Die wollte, wie Cameron jetzt, ein Stoppschild im Internet aufstellen. Nur, wer so was fordert, hat das Internet nicht verstanden, denn es ist keine Straße, an der man ein „Einfahrt verboten“-Schild aufstellen kann. Technisch sind solche Sperren zwar auf nationaler Ebene denkbar (wie China immer wieder beweist), in einer globalen Welt und einem weltumspannenden Netz lässt sich das jedoch leicht umgehen und widerspricht außerdem dem Grundgedanken eines freien Netzes. Denn, und das ist der eigentlich Knackpunkt, gibt es erst einmal ein Gesetz für Netzsperren, dann wird es auch angewendet. Und eben nicht nur gegen Pornoseiten, sondern dann auch gegen andere, dem Staat missliebige Inhalte. In Frankreich, wo es ein solches Gesetz bereits gibt, kann man das schön beobachten. Da werden auch Antifa-Seiten und, jüngstes Beispiel, eine Seite zu Polizeigewalt gesperrt. Als nächstes sind vielleicht die Schwulen- und Lesben-Seiten dran? Netzsperren sind praktisch mit der Einrichtung einer Zensur-Infrastruktur gleichzusetzen. Und David Cameron hat bezeichnenderweise auch nicht nur von pornografischen, sondern auch von „illegalen Inhalten“ gesprochen. Und was illegal ist, bestimmt der Staat.

Aber was hat das nun mit Russland zu tun?

Nun, wenn technische Mittel nicht helfen, um Pornos von unseren Kindern fern zu halten, was dann? Eben genau das, was in Russland fehlt und deshalb dort zur Hatz auf Schwule und Lesben führt: Aufklärung.
Man fragt sich ja tatsächlich, warum der Hass auf bzw. die Angst vor Homosexualität in Russland so stark ausgeprägt sind. Vor allem, wenn man die durchaus homoerotischen Machofotos von Putin sieht. Kaum jemand dort will darüber reden, aber neulich sah ich ein Interview mit einem russischen Psychologen, der das Phänomen ganz gut erklären konnte. Er sagte, in Russland würde es praktisch keine sexuelle Aufklärung geben, in der Familie nicht, in der Schule nicht, in der Öffentlichkeit nicht. Und das sei genau das Problem, Die Leute hätten Angst und Hass aus ihrer Unwissenheit und mangelnder Aufklärung heraus entwickelt.

Und genau das ist es, was wir für unsere Kinder brauchen: kein zensiertes Netz, sondern Aufklärung und Medienbildung, um unsere Kinder fit zu machen für einen selbstbewussten, kritischen und vielleicht sogar mainstream-resistenten Umgang mit dem Netz. Wir müssen mit Ihnen reden!

Im Übrigen bleibt zu hoffen, dass den jungen Leuten, bei denen es schon „zu spät“ ist (weil der Mainstream sie schon an der Gurgel hat und sie schon alles gesehen haben), auch mal jemand erzählt, dass Pornos NICHT das wahre Leben widerspiegeln und dass was faul ist, wenn Mädels beim Sex Gleitcreme brauchen. Dass Models und künstliche Brüste NICHT dem Schönheitsideal der meisten Männer entsprechen und dass weibliche (und natürlich auch männliche) Geschlechtsteile NICHT komplett enthaart werden müssen. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.