Spaß und Politik – passt das zusammen?

entleerungWenn man sich Phippsie Rößlers oder Horst Seehofers stets missglückte Humorversuche oder den Bundestagswahlkampf anschaut, könnte man meinen, die Antwort sei eindeutig: Nein. Wirft man man hingegen einen Blick auf die Wahl zum Osnabrücker Oberbürgermeister, dann ergibt sich ein ganz anderes Bild. 

Politik als Spaß
Nun ist ja die Partei DIE PARTEI von Martin Sonneborn zum ersten Mal zur Bundestagswahl zugelassen worden. Ich mag den Humor, die Satire des Herrn Sonneborn (auch wenn er manches Mal die Grenzen des [guten] Geschmacks weit hinter sich lässt). Die Art und Weise, wie er und seine Mitstreiter dem Politikbetrieb und seinen Mechanismen einen Spiegel vorhalten und ihn dadurch entlarven und die (selbstverschuldete) Lächerlichkeit des Ganzen sichtbar werden lassen, das hat schon einigen Unterhaltungswert. Wer Herrn Sonneborn schon mal in einer politischen Talkshow erlebt hat, weiß, was ich meine.
Das macht also Spaß und hat auch irgendwie mit Politik zu tun, aber einige Fragen sind vielleicht nicht ganz unberechtigt: Hat das überhaupt was mit realer Politik zu tun? Könnten diejenigen, die am 22. September DIE PARTEI wählen, nicht gleich zu Hause bleiben? Passen Politikbetrieb und Satire überhaupt zusammen? Die Antwort auf alle drei Fragen lautet: Jein.
Man könnte meinen, wenn man sich Auftritte anschaut von Frau Merkel, Herrn Pofalla, Herrn Brüderle, Herrn Friedrich, Herrn Seehofer, Herrn Rößler (diese Liste ließe sich sehr lange fortsetzen), dass die Schnittmenge zwischen Satire und Politik viel größer ist als zunächst angenommen – sie alle wären Satiriker von Weltklasse, würde sie das alles nicht ernst meinen. Tun sie aber.

Satire und das reale Leben
Interessant wird das Ganze erst, wenn Satire und reales Leben wirklich aufeinandertreffen. So zog vor Kurzem erstmals ein Vertreter von DIE PARTEI tatsächlich in eine „Volksvertretung“ ein – ausgerechnet in meiner alten Heimatstadt Lübeck, wo die Volksvertretung nicht, wie hier in Dresden, „Stadtrat“ heißt, sondern, was ich viel treffender finde, „Bürgerschaft“. Und auf einmal wurden die Medien heiß, plötzlich musste der arme Mann, der doch eigentlich glaubte, nur in einen „Spaß-Partei“ zu sein, sich den Medien stellen, Interviews geben, sich zu konkreten Themen äußern. Das war sehr interessant (und übrigens nicht besonders witzig), denn plötzlich hatte der auch eine Meinung zu bestimmten (regionalen) Inhalten, obwohl DIE PARTEI doch mit dem Slogan angetreten ist: „Inhalte überwinden“.

Osnabrück
Doch nun zur Oberbürgermeisterwahl in Osnabrück. Auch dort tritt mit dem Kabarettisten Kalla Wefel einer an, dem man unterstellen könnte, das sei nur ein Promotion-Gag. Osnabrück ist sehr weit weg von Dresden, aber da ich Kalla Wefel schon sehr lange (und ziemlich gut) kenne – ich habe unzählige Abende beim Bier, Tage auf der Autobahn und Stunden auf der Bühne mit ihm zusammen verbracht, als wir in der 90ern jahrelang durch Deutschland tourten – verfolge ich das Geschehen dort mit großem Interesse. Und das hat mir einige neue Erkenntnisse beschert.

Kalla Wefel
Kalla Wefel

Als Kalla vor einigen Monaten, vor allem promoted über Facebook, mit der Idee „ich kandidiere für das Amt des Oberbürgermeisters“ herauskam, mit Slogans wie „Wer die CDU nicht mag kann kein schlechter Mensch sein“ und Forderungen wie der nach einen Städtepartnerschaft mit Pjöngjang und nach „jungen, hungrigen Spielern aus Nordkorea“ (die es, so Kalla Wefel, „nur noch dort gibt“) für den VfL Osnabrück, da dachte ich zuerst: eine gelungene Werbekampagne für ihn selbst, durchaus vergnüglich, satirisch, erfrischend und frech.

Doch Kalla Wefel ist nicht Martin Sonneborn, und erst recht nicht Horst Schlämmer. Deshalb ist es ihm nun, nachdem der Wahlkampf richtig begonnen hat, gelungen, den Vorwurf einiger Osnabrücker, er würde da nur Werbung für sich selbst und sein nächstes Kabarettprogramm machen und meine das alles gar nicht ernst, überzeugend zu entkräften. Und ganz nebenbei tritt er auch noch, als einziger der „Polit-Humoristen“, wenn man sie mal in eine solche gemeinsame Schublade stecken will, den Beweis an, dass Humor, Satire und reale Politik eben doch zusammenpassen können. Das hat mit der Person Kalla Wefel, mit seiner Vergangenheit, seinen Prinzipien und seinen Überzeugungen zu tun.

Kalla Wefel
Seit der Wahlkampf etwas mehr an Fahrt aufgenommen hat (gewählt wird am 22. September), war Kalla Wefel schon in einigen TV- und Radiosendungen zu Gast, ist bei Live-Talkshows aufgetreten und zuletzt in einem live gestreamten Internet-Talk der Piraten. Und dort stellt er sich, neben aller Flapsigkeit und zum Teil sehr lustiger Ideen für die politische Zukunft in Osnabrück, eben auch den Fragen zu allen möglichen regional brisanten Themen. Mehrfach habe ich ihn mittlerweile in TV- und Radiointerviews mit (teilweise) hartnäckigen Nachfragern gesehen, und da macht er eine mehr als gute Figur.
Es zeigt sich, dass er über einige Eigenschaften verfügt, die man sich gemeinhin von Politikern wünschen würde, die in der Politik aber praktisch gar nicht vorkommen: er ist ein Intellektueller, ein sozial engagierter Linker, gebildet und mit festen Wertvorstellungen versehen. Während der herkömmliche Politiker sich nach der Talksendung bei Plasberg vermutlich vom Lobbyisten zum Essen einladen lässt, würde Wefel das ganz anders machen – natürlich würde er sich auch vom Lobbyisten einladen lassen („damit der mit seinem Geld mal was Vernünftiges macht“), aber kaufen lassen würde er sich nie. Ich kenne ihn gut genug um sicher zu sein, dass er niemals etwas auf Kosten anderer machen oder gar seine Ideale verkaufen/verraten würde. Von welchem Politiker in diesem Land kann man das behaupten?

Und so sitzt er bei den Piraten und stellt sich den Fragen des Moderators, des Publikums und der Netzgemeinde (per Twitter), und was da, zu praktisch allen Themenbereichen, kommt, ist von erfrischender Ehrlichkeit, mitunter sehr lustig und hat doch Substanz. Wenn er sagt, er habe keine Vorbilder und fühle sich absolut keiner Partei verbunden, sondern eher als Vertreter der aussterbenden Spezies der ehrlichen Linken, dann weiß doch das Wahlvolk endlich einmal, woran es ist. Und dass er, nach seinen stets wiederholten, äußerst kritischen Tönen zu Kirche und Religion, von keinem einzigen christlichen „Fundamentalisten“ eine Stimme kriegen wird, das nimmt er in Kauf, erwartet es und wünscht es sich vermutlich sogar. Aber welcher Politiker (Wefel selbst sieht sich übrigens gar nicht als solchen) würde je auf die Hälfte seines Gehalts verzichten, um das Geld dann für kulturelle und soziale Zwecke zu spenden? Oder zugeben, dass er über ein Thema zu wenig weiß und sich erst informieren müsste, bevor er Detailfragen beantworten kann? Bei Merkel kommen in solchen Situationen sinnentleerte Bandwurmsätze.
Das ist wirklich erfrischend und unterhaltsam, wenn hier Realpolitik und Kabarett aufeinander treffen. Wohlgemerkt, nicht Comedy, denn, wie Kalla Wefel es in dem Piratentalk sehr schön auf den Punkt brachte: „Der Unterschied zwischen Comedy und Kabarett ist, dass Comedy sich über die Opfer lustig macht, Kabarett hingegen über die Täter.“
Und die Eigenwerbung für sich und sein neues Programm „Der Kandidat“, welches Anfang Oktober Premiere feiert – warum sollte man ihm das übelnehmen? Das Programm wird sicher sehr bissig und die Garantie für einen einen äußerst lustigen Abend.

Vote Wefel!
Ich kenne mich in der Lokalpolitik Osnabrücks nicht aus, aber ich denke, das Beste, was den Osnabrückern passieren könnte, wäre ein Wahlsieg des Kandidaten Kalla Wefel am 22. September. Und es wäre auch, nach dem wie auch immer gearteten, aber mit Sicherheit verheerenden Ausgang der Bundestagswahl, wenigstens ein Hoffnungsschimmer für die Politkultur in diesem Land.

Die Wahlkampfseite von Kalla Wefel: votewefel.de
Kalla Wefel auf Facebook: www.facebook.com/wefel
Webseite des Kabarettisten Kalla Wefel: kallawefel.de

Ein Gedanke zu „Spaß und Politik – passt das zusammen?

  1. Lieber Claus, ich bin ganz gerührt ob deines wirklich sehr fundierten Artikels. Du bringst fast alles auf den Punkt, bis auf eine Sache, das neue Programm heißt „Nur die Zukunft ist gewiss …“ und nicht „Der Kandidat“. Und weißt du warum? Weil ich zum einen eine Trennungslinie zwischen meiner Kandidatur und meinem Kabarett ziehen wollte und mich zum anderen ein Programm mit dem Titel zu sehr festlegen würde. Ansonsten, herzliche Grüße nach Dresden

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