Stolpersteine (Update)

stolperstein_lgBereits im März hatte ich hier einen Artikel über meine Recherchen zum Thema Stolpersteine in Laubegast veröffentlicht. Nun gibt es einige Neuigkeiten, die ich den geneigten Lesenden nicht vorenthalten möchte.
Der Stand im März war, dass ich einige Briefe an verschiedene Verwandte bzw. Nachkommen der von mir recherchierten Opfer des Nationalsozialismus geschrieben hatte.

Leider blieben fast alle Briefe unbeantwortet. Tatsächlich fand ich trotz meiner sehr umfangreichen Recherchen nach Hinterbliebenen der vier Opfer, an die wir mit Stolpersteinen erinnern wollen, nur zwei noch lebende Verwandte. Beide sind Angehörige desselben Opfers, des Weißwarenhändlers Joseph Fränkel, der in der Leubener Str. 2 in Laubegast ein Geschäft betrieben hatte. Ende 1942 wurde er zusammen mit seiner Frau in das Judenlager Hellerberg gebracht, von wo aus beide Anfang März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Harriet Saalheimer
Harriet Saalheimer

Ich hatte schon einen Hinweis darauf, dass seine Stieftochter Herta Steinhart, die sich später in Harriet umbenannte und durch Heirat den Nachnamen Saalheimer annahm, möglicherweise noch am Leben war. Tatsächlich lebt sie noch, wie ich jetzt weiß. Sie ist 98 Jahre alt und lebt in einem Pflegeheim in Montreal. Leider ist sie dement und wird somit nicht mehr von unserem Vorhaben erfahren. Ich habe ihr dennoch einen Brief ins Pflegeheim geschrieben.
Neben dieser Stieftochter, die bereits vor dem Krieg nach England in Sicherheit gebracht worden war, gab es aus der Familie der Ehefrau von Joseph Fränkel, die sehr viele Opfer zu beklagen hatte, noch zwei weitere Überlebende, beides Stiefneffen von Joseph Fränkel. Ich konnte herausfinden, dass der eine von Ihnen nach Kanada, der andere in die USA emigriert war und dass sie beide bereits verstorben sind. Auch schien es keinerlei Kinder zu geben. Nur einen Hinweis: das Internationale Rote Kreuz in Jerusalem hatte mich darauf hingewiesen, dass es in Montreal eine Frau namens Sheila Lackman gäbe, die möglicherweise die Tochter eines der beiden sein könnte.
Ich schrieb ihr einen Brief, und tatsächlich: sie antwortete per E-Mail und teilte mir mit, dass sie tatsächlich die Tochter von Gerald Steinhart sei und somit die Stief-Groß-Nichte von Joseph Fränkel. Sie schrieb mir, dass sie unser Projekt sehr schön findet, denn, wie sie es ausdrückte „I feel strongly that these relatives should be remembered as there are no burial grounds for them“. Das fand ich einen sehr interessanten Gedanken, der mir noch gar nicht gekommen war. Es gibt ja tatsächlich für die Millionen Verschwundenen und Ermordeten keine Grabsteine, an denen sich Verwandte Ihrer erinnern könnten.
Ich versprach ihr, einen Bericht und Fotos von der Verlegungszeremonie zu schicken.

Die Inschriften der Stolpersteine in Laubegast
Die Inschriften der Stolpersteine in Laubegast

Einige Veranstaltungen sind nun in nächster Zeit geplant, und auch der Termin für die Verlegung der Stolpersteine steht fest, es ist der 5. Dezember. An diesem Tag wird der Künstler Gunter Demnig insgesamt mehr als 20 Stolpersteine in Dresden verlegen. Abends ist dann in der Jüdischen Gemeinde ein Festakt geplant.
Vorher wird es eine öffentliche Präsentation im Volkshaus Laubegast geben, bei der ich am 22. Oktober um 19 Uhr über meine Recherchen und das Projekt berichten werde.
Die organisatorischen Dinge hat übrigens freundlicherweise der Verein Stolpersteine Dresden übernommen.

Tja, und dann ist da noch das Thema Judenlager Hellerberg und damit das Thema ZEISS IKON AG und Zwangsarbeit. Zwei der vier Opfer aus Laubegast waren ja vor ihrer Deportation in diesem Lager, welches die Firma ZEISS zusammen mit der Gestapo eingerichtet hatte, interniert und mussten Zwangsarbeit im Goehlewerk leisten. Und zudem noch Miete und Verpflegung für ihre Unterbringung im Lager an die Firma ZEISS zahlen. Welch ein Zynismus!
Wir traten also an die zwei Firmen heran, die sich (ihren Webseiten zufolge) auf ihre Geschichte als ZEISS AG berufen: die Firma ASSA ABLOY (stellt Schlösser her) sowie die Firma ZEISS (u.a. Brillengläser). Auf deren Webseiten findet die Nazizeit nicht statt, kein Wort darüber. Besonders im Hinblick auf die Firmengeschichte in Dresden fanden wir es  angebracht, wenn diese Firmen sich finanziell einbringen würden, denn die Stolpersteine kosten ja Geld. Zunächst sah es auch so aus, als wäre die Firma ASSA ABLOY bereit, etwas zu geben. Dann kam aber doch plötzlich eine Absage. Dasselbe bei der Firma ZEISS. Dort bot uns ein Mitarbeiter dann an, selbst mit einigen Kollegen 150,-€ aus eigener Tasche zu spenden. Das freute uns sehr und ließ uns zugleich sprachlos zurück.

Beide Firmen berufen sich übrigens darauf, bereits viel Geld in den Zwangsarbeiterfond eingezahlt zu haben. Das ist natürlich, fast 70 Jahre nach Kriegsende, aller Ehren wert, aber wir sind nach wie vor der Meinung, dass da auch ein Engagement hier in Dresden angebracht wäre. Es geht nicht um eine Schuldzuweisung, die heutige Firmenleitung trägt ja keine direkte Verantwortung, aber der Firmenname ZEISS ist nun mal hier in Dresden direkt und sehr unrühmlich mit dem Judenlager Hellerberg verbunden.

Wir werden übrigens das Thema Stolpersteine weiter verfolgen und nun nach Opfern politischer und religiöser Verfolgung sowie nach Euthanasieopfern aus Laubegast suchen.

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