Rechtsstaat – Teil 1

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Vorwort

Was hier zu lesen ist, entspricht zu 100 Prozent der Wahrheit und nur der Wahrheit, so wahr mit irgend jemand helfe.

Auslöser dafür, dies alles aufzuschreiben, waren die Ereignisse am 19. Februar 2011 in Dresden, als ich, eher zufällig, in eine Situation geriet, die schon für sich, erst recht aber im Zusammenhang mit den nachfolgenden Ereignissen, mein Weltbild erschüttert haben. Irgendwann beschloss ich, davon detailliert zu berichten, auch, um im Kopf Klarheit zu gewinnen (was mir bis Heute nur bedingt gelang).
Die Schilderungen sind weitgehend chronologisch. Es geht auch nicht um die Geschichte der Naziaufmärsche in Dresden, das Thema wäre mir viel zu umfangreich gewesen. Es geht um meine Erlebnisse and alle Geschehnisse, die damit zu tun haben oder hatten.
Natürlich ist dieser Erlebnisbericht subjektiv gefärbt, aber im Grunde habe ich alles, was um jenen für mich so schicksalhaften Tag herum geschehen ist, so gut es ging aufgeschrieben und dokumentiert.

Die Vorgeschichte ist natürlich auch wichtig, denn es geht und ging mir um den Rechtsstaat, an den ich immer noch glaube.
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1. Die Politik und ich

Geboren wurde ich 1957, in den goldenen, spießigen 50er Jahren also. Zu spät, um noch ein ‘68er zu werden, aber rechtzeitig für die Protestsongs, für Bob Dylan, Joan Baez und all‘ die anderen. Meine Eltern wiederum waren zu spät geboren, um in der Nazizeit eine aktive Rolle zu spielen. Was mir berichtet wurde aus jener Zeit, war, dass mein Großvater lediglich im NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps) gewesen war – als Motorradfan eine bequeme Möglichkeit, sich die Nazis politisch vom Hals zu halten – kurz vor Kriegsende hatte er aktiv die Sprengung einer Brücke durch die Wehrmacht verhindert. Meine Großeltern wohnten in Friedrichstadt in Nordfriesland (wo auch meine Mutter aufwuchs) – einer kleinen, idyllischen Stadt mit Grachten, gebaut nach holländischem Vorbild. Das ca. 2500 Einwohner große Friedrichstadt ist von jeher stolz gewesen auf seine Religionsvielfalt und -freiheit. Etliche Glaubensrichtungen hatten und haben Ihre Gotteshäuser dort. In der Reichspogromnacht wurde die Synagoge zwar zerstört, jedoch keine Juden verletzt oder getötet. Mein Großvater, so erzählten meine Eltern (ich habe ihn nie kennengelernt) ließ sich von seiner Frau verleugnen, als die SA kam, um ihn abzuholen an jenem Abend. Da er beim örtlichen Energieversorger Schleswag arbeitete, konnte sie glaubhaft machen, er sei auf Inspektionstour.

Mein Vater erzählte mir, er sei bei der HJ gewesen „weil das damals alle waren“, aber er war, wie gesagt, noch zu jung, und in Friedrichstadt gab es keine Kampfhandlungen, sondern eine kampflose Besetzung durch die Briten.
Mein Elternhaus war intellektuell und von jeher wurden Nazismus und Rassismus streng verurteilt. Meine Eltern wählten immer SPD, so wuchs ich auf.
Ich war das zweite von drei Kindern (das einzige Wunschkind), und natürlich war ich rebellischer als meine Brüder. Ich tendierte auch immer in Richtung links, allerdings nie zum Extrem.

Da ich Rockstar werden wollte, war es nur logisch, in Bands zu spielen. Das tat ich auch seit 1974, und so kam ich auch 1979 mit der alternativen Szene in Lübeck in Kontakt, da wir unseren Probenraum in einem linksalternativen Zentrum hatten. Das blieb auch so bis ich Lübeck 1991 verließ. Das Zentrum, die „Alternative“, gibt es, allerdings an einem anderen Ort als in der Anfangszeit, immer noch. Zeitweise organisierte ich, als die „Alternative“ sich noch in der Lübecker Altstadt befand, dort Konzerte. So kam ich natürlich auch mit politischen Auseinandersetzungen in Berührung. Denn natürlich gab es eine Neonaziszene in Lübeck, und natürlich war denen das alternative Zentrum ein Dorn im Auge, was zu vereinzelten, sehr aggressiven Besuchen führte. Die Polizei hielt sich auch damals schon sehr zurück, wenn es um Gewalt von rechts ging, und so regelte sich irgendwie immer alles von selbst.

Die einzige Partei, der ich je angehörte (als Mitglied), war: die FDP! Besser gesagt die Jungliberalen. Ich fand deren Ideen von Freiheit (in meiner Schulzeit) ziemlich cool, das legte sich aber bald wieder. Dass diese Freiheit eigentlich nur die Freiheit des Kapitals und das Lieblingskörperteil der Liberalen der Ellenbogen ist, braucht man heutzutage ja niemandem mehr zu erklären.
Auch ich wählte, als ich das erste Mal wählen durfte, natürlich SPD. Kein Wunder, in Lübeck, der Stadt, in der jeder Bundestagswahlkampf traditionell mit einer Wahlkampfrede des berühmten Sohnes der Stadt, Willy Brandt, endete, bei der sich Massen von Menschen versammelten. Erst später wechselte ich im Wahlverhalten zu Grün. Die Grünen gab es ja noch nicht, als ich jung war, die kamen aber auch (unter anderem) aus dieser Gegend. Einer der Gründerväter der Partei war der Biobauer Baldur Springmann aus der Nähe von Lübeck, bei dem ich sogar mal am Küchentisch gesessen habe.
Ich war immer ein politisch interessierter, aber eher weniger aktiver Mensch. Immer habe ich soziale Gerechtigkeit als sehr wichtig empfunden, mich für Minderheiten eingesetzt, mich gegen menschenverachtende und rassistische Meinungen gewehrt. Ich habe viele Jahre lang (davon sechs hauptberuflich) – linkes – Rockkabarett gemacht. In unseren Programmen bekam immer die „deutsche Dumpfbacke“ ihr Fett weg – der Frauenfeind, der Rassist, der (verkappte oder offene) Nazi.
Ich war aktiv bei Greenpeace (meine damalige Frau sogar als Aktivistin), habe an Flugblattaktionen und Demos teilgenommen, habe mich während des Studiums gegen Burschenschaften eingesetzt, war immer gegen Krieg und Militarismus und habe mal meinen Job als Architekt riskiert, als ich mich (als Einziger im gesamten Büro) geweigert habe, an einem Architekturwettbewerb für die Bundeswehr mitzuarbeiten. Ich habe den Kriegsdienst verweigert, allerdings erst, nachdem ich der Grundwehrdienst abgeleistet hatte. Ich hatte immer Freunde und Bekannte, die Türken, Kurden, Araber oder Afrikaner waren.
Ich bin übrigens auch einer der Wenigen, die konsequent bis zum Schluss nicht an der Volkszählung 1987 teilgenommen haben – selbst als die Grünen dazu aufriefen, nun doch die Fragebögen abzugeben und das auch alle taten, um Bußgelder zu vermeiden. Da ging es ums Prinzip – ich hätte eher ein Bußgeld bezahlt, als den Fragebogen abzugeben. Im Lichte der heute üblichen und von den Bürgern offensichtlich meist klaglos akzeptierten Überwachungsstaats-Strukturen scheint das alles doch sehr weit zurückzuliegen.
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2. Die Nazis und ich

Aber zurück zum Thema Nazis. Der Holocaust war für mich immer das Grauenhafteste, das man sich überhaupt vorstellen kann. Ich konnte mir Jahrzehnte lang keine Filme darüber angucken, ich war noch nie in einer KZ- Gedenkstätte, weil ich das nicht aushalten könnte. Mit Nazis hatte ich, abgesehen vor deren Auftritten bei Besuchen im links-autonomen Zentrum „Alternative“ in Lübeck und einem Arbeitskollegen beim Jobben während meines Studiums, der sich offen dazu bekannte, soviel zu tun wie alle im Westen – man wusste, dass es noch Altnazis gab (Waldheim, Kiesinger etc.), aber auch die Neonazis spielten, vor allem nach der Wende, eine immer stärkere Rolle. Eine Zeit lang war Lübeck (und Umgebung) sogar eine der bundesweiten Hochburgen der Szene. Bei einem Altstadtfest in den späten 80er Jahren gab es eine Massenschlägerei zwischen Nazis und Linken, woraufhin beim zwei Jahre später stattfindenden, nächsten Altstadtfest ein striktes Versammlungsverbot erlassen wurde, welches auch zahlreichen angereisten Neonazis eine Nacht in der Zelle bescherte. Danach war es mit diesem Spuk vorbei.

Natürlich war der rechte Terrorismus (anders, als es heute manchmal dargestellt wird), immer präsent – es war schon immer der entscheidende Unterschied zwischen Linken und Rechten, dass die Rechten Leute bedrohen, verletzen und töten. Nicht zufällig gab es zwei der schwersten fremdenfeindlichen Anschläge in Lübeck (Brandanschlag auf Asylbewerberheim, 18.01.1996, 10 Tote, 38 schwer Verletzte) und in der Nähe von Lübeck, nämlich in Mölln (23.11.1992 – 2 Tote, 9 schwer Verletzte). Das Problem war also schon immer bekannt.

Ein sehr persönliches Erlebnis in der Richtung hatte ich auch – es war 1988 oder 1989, da saßen wir gemütlich beisammen – unsere Band bei unserem Sänger Ronny zu Hause. Dieser ist Amerikaner, hat dunkle Haut und wohnte damals mit seiner deutschen Frau und seinem kleinen Sohn in einem Haus in Lübeck, ganz oben unter dem Dach. Im selben Haus lebten noch drei weitere Familien, darunter eine aus Italien. Tatsächlich sehr zufällig war das Datum dieses gemütlichen Beisammenseins der 19. April – der Vorabend der Führergeburtstages. Wären wir nicht da gewesen an dem Abend, wäre es vermutlich sehr schlimm ausgegangen. Denn nur, weil wir bis ein Uhr Morgens blieben, war Ronnys Frau noch wach, als sie im Treppenhaus verdächtige Geräusche hörte. Mit einem Hammer bewaffnet stürmte die resolute Frau ins Treppenhaus und die Treppe hinunter. So verscheuchte sie die Neonazis und verhinderte einen furchtbaren Anschlag: das gesamte Treppenhaus, Ronnys  Wohnungstür und auch die äußere Haustür waren voller Benzin – zwei Minuten später hätte es gebrannt! Dass da aus dem Dachgeschoss niemand mehr herausgekommen wäre, war klar.

Es gab übrigens keine weiteren polizeilichen Ermittlungen dazu, keine Jagd nach den Tätern…- da fällt mir ein, dass ich mal einen Schulkameraden hatte (während der RAF- Zeit), welcher der linken Szene angehörte und nach (West)Berlin abhauen musste, weil die Polizei bei einer Hausdurchsuchung einen Wecker und ein Kabel bei ihm gefunden hatte. Die Medien stürzten sich auf diesen „Terroristen“, und da gab es dann auch polizeiliche Ermittlungen…
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2 Gedanken zu “Rechtsstaat – Teil 1

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