Wie ich YouTube erfand

niniscreenSo ganz stimmt das natürlich nicht, so wortwörtlich. Nur fast. Andererseits – da, wo ich seit fast 25 Jahren lebe, geht das schon in Ordnung, da ist es üblich, so etwas einfach zu behaupten.
Aber der Reihe nach, bevor Konfusion entsteht: Neben der gewöhnungsbedürftigen Mundart und der aus meiner Sicht (eines Norddeutschen) ebenso ungewohnten Mentalität der Sachsen (man kann sich übrigens ziemlich gut an beides gewöhnen!) fiel mir damals eines besonders auf: der Drang des Sachsen, jedem und jeder, egal, ob es interessiert oder nicht, ständig zu erzählen, was die Sachsen alles erfunden haben. Aus ihrer Sicht praktisch alles: die Filtertüte (stimmt), den Büstenhalter (stimmt auch), den Fernseher (stimmt nur bedingt), den Computer (stimmt gar nicht). Oder vielleicht auch andersrum, ich hab’s vergessen. Kaum eine Ausgabe einer beliebigen Tageszeitung in Sachsen, die nicht genau dieses Thema aufgreift. Ein Schelm, wer dabei an Minderwertigkeits-Komplex-Kompensation denkt.
Das hat mich von Anfang an befremdet, komme ich selbst doch aus der Stadt, in der das Marzipan (stimmt), die Hanse-Kogge (stimmt auch), die Buddenbrooks (stimmt) und die soziale Marktwirtschaft (stimmt nicht so richtig, aber Willy Brandt war “unser” Willy) erfunden wurden. Und dort erzählt einem das keiner andauernd, da ist das gar kein Thema.

Aber zurück zum  Anfang, zur Titelzeile. Die stimmt so nicht ganz, aber für sächsische Verhältnisse reicht es, da kann man das schon mal so behaupten.
Hier ist die Geschichte dazu: kürzlich las ich in der Zeitung, dass YouTube nun 10 Jahre alt ist, und da musste ich wieder an die Zeit um die Jahrtausendwende denken. Das ist nun 15 Jahre her, ich hatte gerade auf “was mit Medien” umgeschult und eine Ausbildung zum Multimedia-Designer gemacht. Nach dem Praktikum in einer Agentur stieg ich direkt dort ein. Wir waren zu dritt und eigentlich ein sehr gutes Team, weil jeder seine Stärken voll einbringen konnte und die Stärken des Einen gleichzeitig die Schwächen der Anderen kompensierten. P., der Gründer der Agentur und der Chef des Ganzen hatte die Gabe, großartige Ideen zu haben, leider jedoch die Schwäche, sie nicht so richtig umsetzen zu können.

Nun war das die Zeit der Dotcom-Blase, als die Ideen für ein lukratives Netz teils schon aufkamen, die Infrastruktur, die technischen Möglichkeiten und vor allem die Kundschaft jedoch noch nicht so recht vorhanden waren. Da war die Idee einer Video-Plattform im Internet schon ganz schön gewagt. Aber wir hatten sie. Das heißt eigentlich hatte natürlich P. die Grund-Idee. Wir arbeiteten sie dann gemeinsam aus.
Der Gedanke war, wie alle großartigen Ideen, im Grunde simpel: überall im Netz tauchten die ersten Video-Schnipsel auf, oft in schlechter Qualität und eigentlich immer recht kurz – die Bandbreiten gaben halt noch nix her. Und Microsoft, der Platzhirsch (Google war damals nichts weiter als einer von mehreren Suchmaschinen-Anbietern) agierte immer noch nach der Maxime des Firmengründers Bill Gates: “Niemand wir sich je an einem Computerbildschirm Videos anschauen”.
Wir hingegen hatten natürlich nur Apple-Computer und somit auch die technischen Möglichkeiten. Die Idee war, all’ die Videoschnipsel im Netz zu sammeln und sie auf einer Plattform zugänglich zu machen. Mit einer durchsuchbaren Datenbank. Das war ambitioniert, denn die drei großen Probleme waren die Qualität der Videos, das Streaming und vor Allem eine Datenbank, die Multimedia können musste. Das alles dauerte natürlich eine Weile, aber sie ging tatsächlich online, unsere Video-Steaming-Seite – lange vor YouTube. Sie hieß “Niniway” (frei nach der antiken Bibliothek “Niniveh”).

Die Webseite (www.niniway.com) dazu war sehr schick gestaltet nach den Fibonacci – Regeln – und die Navigation war videogestützt, damals ein Knaller! Das sah so aus: auf der Startseite (siehe Foto) zunächst nur das Logo, bei Klick öffnete sich ein Video, und der Sprecher begrüßte den Besucher und bat ihn, im Menü (welches sich nun einblendete) eine Auswahl zu treffen. Die Videos waren nach Kategorien geordnet – zum Beispiel Lehrfilme, Comedy, Animation. Hatte der Besucher dann gewählt, z.B. “Animation”, erschien ein weiteres Video und bat ihn, sich zwischen den Unterkategorien “2d- und 3d-Animation” zu entscheiden, wieder in einem Menü. Dann kam eine Ergebnisseite, die Vorschaubilder zu den gefundenen Videoclips der entsprechenden Kategorie anzeigte. Ein Klick auf eines der Bilder startete dann den eigentlichen Videostream.
Dafür hatten wir einen eigenen Streaming-Server (MAC Server mit Quicktime-Streaming), für die Datenbank und die Programmierung hatten wir uns Fachleute engagiert, wir sammelten mehrere tausend Videoschnipsel. Und es funktionierte prächtig – sowas hatte noch keiner vor uns gemacht!

Doch dann kam dieser Punkt, dieser Scheideweg, an dem ich schon oft war in meinem Leben, und stets habe ich bei der Entscheidung nicht gezögert: dieser Punkt, an dem man sich entscheiden muss, ob man zum Lumpengesindel gehören will, skrupellos, geldgierig, auf den eigenen Vorteil bedacht, rücksichtslos, oder ob man lieber ein – heute ist es ein Schimpfwort – “Gutmensch” sein will. Einer, der nicht andere übervorteilen will, der respektvoll sein und sich an Regeln halten will. In unseren Meetings tauchten irgendwann die beiden Pfui-Wörter des Internet-Zeitalters auf: “Lizenzen” und “Urheberrecht”. Zunächst hatten wir darüber nicht nachgedacht, denn das Netz war zu der Zeit ja tatsächlich noch weitgehend das, was es heute so gar nicht mehr ist: ein rechtsfreier Raum. Das, was im Netz stand, war halt öffentlich, und alle benutzten es. Als wir aber unser Angebot mit einer Rubrik “Filmtrailer” aufwerten wollten, da mussten wir dann doch darüber nachdenken, ob wir uns nicht lieber bei Warner, BMG und wie sie alle heißen und hießen, eine Genehmigung dafür holen sollten.
Und daran scheiterte es dann auch. Dieser Arbeitsaufwand wäre zu groß gewesen, wir hatten einfach nicht die Möglichkeiten, alles sauber abzuklopfen, und so nahmen wir die Plattform nach wenigen Monaten wieder aus dem Netz, aus Angst vor Abmahnungen.

Ein paar Jahre später kamen dann die Jungs von YouTube, machten genau dasselbe und sagten sich “scheiß’ doch auf Lizenzen und Urheberrecht!”
Sie hatten natürlich noch zusäztlich den Vorteil, dass die Technik es mittlerweile erlaubte, nicht nur selbst Videos ins Netz zu stellen, sondern dies vor Allem die Nutzer besorgen zu lassen – Urheberrechtsverstoß inklusive. Und nach einigen weiteren Jahren vertickten die das Ganze dann für eine zehnstellige Summe an Google.

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