Wir schaffen das

An alle Bundestagsabgeordneten, die dem neuen Gesetzespaket zur (Re-) Migration zugestimmt haben, an den Innenminister, der es lustig fand, dass an seinem 69. Geburtstag „zufällig“ 69 afghanische Geflüchtete abgeschoben wurden und an die Bundeskanzlerin (ist die eigentlich noch im Amt?), die mit ihrem „wir schaffen das“ ein einziges Mal etwas (scheinbar) Treffendes gesagt hat:

So mancher hat sich echauffiert über dieses „wir schaffen das“ und tut es immer noch. Aber wir, die ehrenamtlichen Unterstützer geflüchteter Menschen, haben immer gesagt: „Natürlich schaffen wir das!“ WIR.
Ihr wollt es gar nicht schaffen. Und damit tretet ihr das, was wir tun, wofür wir uns einsetzen, mit Füßen.

 

Wir haben sehr viel Energie in unsere Arbeit gesteckt, haben getan und tun es immer noch, was wir selbstverständlich finden, wir haben versucht, Menschen, die von Seiten der Politik schon immer nicht hier gewollt waren, zu unterstützen, haben ihnen in alltäglichen und auch in nicht alltäglichen Situationen geholfen, ihnen unsere Sprache beigebracht, ihnen einen Weg durch den Bürokratiedschungel zu zeigen versucht, ihnen gezeigt, dass sie Respekt und Menschlichkeit verdienen.
Wir haben sehr viel für unsere Gesellschaft getan, haben Familien unterstützt und den Kindern vermittelt, dass sie in unserer Gesellschaft alles erreichen können, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft. Haben Menschen, die aus einer ganz anderen Welt gekommen sind, die Werte von Demokratie, Gleichberechtigung und eines respektvollen Miteinanders gezeigt und ihnen Menschlichkeit und Offenheit anderen Kulturen und Religionen gegenüber vorgelebt.
Wir haben miterlebt, wie diese Menschen hier angekommen sind, fleißig die Sprache gelernt haben und zu Freunden wurden. Wie sie sich Jobs und Ausbildungsplätze suchten und sich freuten, von uns als Freunde willkommen geheißen zu werden.

Ich selbst habe von Kindern so grauenhafte Erlebnisse erzählt bekommen, dass es mir den Atem verschlagen hat. Ich habe sehr viele Menschen getroffen, die ihre Heimat verlassen mussten, und zwar keiner von ihnen freiwillig, sondern aus Verzweiflung, Angst, Hoffnungslosigkeit. Und auch ein paar Menschen, die ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben aus freien Stücken auf der Flucht vor Armut verließen.
Ich habe Menschen kennengelernt, die ein Trauma mit sich herumschleppen müssen, wie wir es uns in unserem Wohlstandsdasein nicht annähernd vorstellen können.
Und all‘ diese Menschen, die teils unfassbar grauenhafte Dinge erlebt haben, haben eines gemeinsam in diesem sehr wohlhabenden Land: sie sind hier nicht willkommen und sollen nicht hierbleiben. Das habt Ihr jetzt, wieder einmal in verschärfter Form, in Gesetze gegossen.
Es bricht mir das Herz, wenn ich einer Frau, die ihren 4jährigen Sohn in der Wüste hat verdursten sehen und ihrer Tochter, die ihren Bruder sterben sah, keinerlei Hoffnung machen kann, dass sie langfristig eine Chance auf ein neues Leben hier bei uns haben, egal, wie sehr sie sich anstrengen.

Was sollte denn das nun heißen, „Wir schaffen das“? Dass Ihr es schafft, die Menschen irgendwann, ohne größere Probleme, wieder loszuwerden?
Das habt Ihr uns schon gezeigt, Ihr habt schon gnadenlos Freunde von uns abgeschoben, mehrmals.

Oder habt Ihr gedacht, uns, den Bürgerinnen und Bürgern, sei langweilig, also würden wir jetzt gern mal „was mit Menschen“ machen, so ganz unverbindlich und zum Spaß, mal ein bisschen sozial sein, dem Staat seine Fürsorgeaufgaben abnehmen, ein bisschen helfen und so? Und dass wir damit dann einfach wieder aufhören, wenn Ihr die Menschen, denen wir geholfen haben, abtransportiert habt, und alles ist gut? Wir werden nie aufhören.
Was ist all‘ unser Engagement, all‘ die Empathie, all‘ die Menschlichkeit wert? Basiert denn eine friedliche Gesellschaft nicht auf eben diesen Werten? Was Menschlichkeit und Empathie für Euch bedeuten, kann man ja an den EU-Außengrenzen sehen, die teils schon mitten in Afrika liegen. Und an Euren Gesetzen ablesen.

Wir setzen uns ein, helfen bei der Integration, und wenn wir auf dem besten Wege sind, damit erfolgreich zu sein und etwas zu schaffen, das ohne unsere Mühen niemals möglich gewesen wäre, dann schiebt Ihr unsere Freundinnen und Freunde ab? Wie sollen wir diese Botschaft interpretieren? Als ein „Ihr könnt uns mal“?
OK, dann Ihr uns auch.

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